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07. Februar 2012
Auf den Kopf gefallen
Lars-Ole Walburg inszeniert in der Box des Zürcher Schiffbaus "20 000 Seiten" des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss.
Der Schweizer Schriftsteller und Dramaturg Lukas Bärfuss arbeitet sich in seinen Zeit- und Problemstücken immer wieder an letzten Fragen und "Tabuthemen" ab: Sterbehilfe, Sexualität von Behinderten, Glaubenskrisen, Vaterschaftszweifel; sein "Malaga" war zuletzt der Versuch einer Komödie über Schuld und Verantwortung in hedonistischen Patchworkfamilien. In seinem neuen Stück lässt der 40-jährige Bärfuss das Braunbuch, in dem die Bergier-Kommission die Verstrickungen der Schweiz in den Nazi-Terror dokumentierte, einem naiven Tagträumer buchstäblich auf den Kopf fallen.
Tony wird voll aufs Haupt und mitten ins Herz getroffen. Seit dem bedeutsamen Zufall kennt er alle 20 000 Seiten der Aktensammlung Wort für Wort auswendig; das grausame Schicksal des Holocaust-Opfers Oskar H. geht ihm sogar so nahe, dass er wie vor den Kopf geschlagen ist. Die Zuschauer in der Schiffbau-Box schauen von allen Seiten in einen Raum, der Kerker, Archiv und Arena in einem ist. In einem Geviert aus Tausenden von Leitzordnern erlebt der Parzival der Akten eine Reihe von exemplarisch "angeschrägten" Prüfungen, die ihn an sich, der Welt und der Sprache irre werden lassen: "Das Elend ist keine Stilfrage". Eine Irrenärztin will seine Fixierung auf Opfer und alte Nazigeschichten wegtherapieren. Jean-François Blonay (Jean-François Bergier starb 2009 in Blonay), der professoral zerstreute Herausgeber, hat seinen Bericht längst aus dem Fenster geworfen: Das Wühlen in der Vergangenheit war sein "Lebensunglück". Der unbestechliche Journalist Wüthrich, der ungehört in einer Hütte im Wald vermodert, lädt Tony ein, gemeinsam am "Altar der Schande" zu bauen. Beim autonomen Bürgerradio wird Tony mit den Phrasen und wechselnden Perücken linker Aktivisten konfrontiert. In der Talentshow des Fernsehens hat der Gedächtniskünstler mit seinen alten Kamellen keine Chance gegen smarte Elvis-Doppelgänger und singende Busfahrerinnen. So landet der traurig staunende Tor (Sean McDonagh) am Ende wieder in der Psychiatrie, wo Frau Dr. Gosbor ihn einer neurologischen Rosskur unterzieht. Von 20 000 Seiten nützlicher Literatur (Chinesisch-Wörterbücher, Marketing- und Kochbücher, Filmlexika) zum zweiten Mal auf den Kopf getroffen, soll er seine Fähigkeit zum Mitleiden ein für allemal vergessen.
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Bei Bärfuss dämmert der Patient hinterher apathisch, aber gut gerüstet für Karriere und Zukunft, der schönen neuen Welt marktkonformer Selbstinszenierungen entgegen. Lars-Ole Walburg lässt das Ende klugerweise offen. Was Bärfuss voller Ernst und Papiergeraschel durchdekliniert, versucht er wenigstens hin und wieder leichter und schräger zu fassen. Der journalistische Wüthrich (Lukas Holzhausen) etwa ist kein zynisch-verbitterter Waldschrat, sondern ein weiß gekalktes Gespenst; die Busfahrerin verheddert sich in den Endlosschleifen eines Loriot-Sketches. Ludwig Boettger gibt die Suada von Blonays Gouvernante im Damenkostüm, und Klaus Brömmelmeiers Agent John ist ein sinistrer Zauberer Merlin, der sein Programm – "die Welt zum Weinen bringen" – mit Wasserspritzen, Trockeneismaschinen und Herr-der-Ringe-Brimborium exekutiert.
Wo Bärfuss über Fluch und Segen des Vergessens, Nutzen und Nachteil der Historie räsoniert, setzt Walburg auf groteske Bilder und Pantomimen: Konfettireigen und grinsende Showmaster statt Auschwitz-Erinnerung, Irrenhauswitze und Hüpfballgymnastik statt klinische Psychiatrie. Dennoch bleibt "20 000 Seiten", vor allem in den länglichen Monologen, ein gramgebeugtes und – jedenfalls für Bärfuss-Verhältnisse – geschwätziges Lehrstück über unsere Mitschuld an allem Elend der Welt. An sich ist Bärfuss ja nicht auf den Kopf gefallen: Mit seinen Romanen, Stücken, Essays und Diskussionsreihen schaltet sich der Dramaturg am Zürcher Schauspielhaus immer wieder in die politische Debatte ein. Aber sein Auftragsstück über einen Gefangenen im "Schuldturm des Seins" ist doch eher zum Vergessen: Akten eines zornigen Moralisten, politisch korrekt abgeheftet und gefühlte 20 000 Seiten stark.
– Nächste Termine: 7., 9., 13., 15., 21. Februar. Karten: Tel. 0041/44 258 77 77.
Autor: Martin Halter
