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07. Juli 2012 00:03 Uhr
Theater Freiburg
"Bärensee" – Tanzstück mit dicken und dünnen Menschen
Pralle Lebenslust und provokante Parodie: Am Stadttheater Freiburg hatte "Bärensee" Premiere. Ein Tanzstück mit Menschen, die dick sind. Ein ungewöhnliches Ballett mit kraftvoll-fröhlicher Choreografie.
Schlank ist gleich erfolgreich und schön. Dick dagegen ist krankhaft und bedeutet Trägheit und Kontrollverlust. Diese Bilder kursieren nicht erst seit Heidi Klums Topmodel-Show und vorbeugender Gesundheitspolitik in den Köpfen und haben den perfekte Körper längst zum Statussymbol erklärt. Für übergewichtige Menschen bedeuten diese Zuschreibungen massive gesellschaftliche Ausgrenzung. Schlankheitswahn, noch immer ein Tabuthema – und damit bester Stoff für die Freiburger Regisseurin und Filmemacherin Margarethe Mehring-Fuchs vom Verein Element 3, die künstlerisch mit so genannten Randgruppen wie Roma oder Krebskranken arbeitet und sich hier als Produktionsleiterin betätigte.
Basierend auf Mehring-Fuchs’ Interviews mit beleibten Menschen, feierte jetzt das ungewöhnliche Tanzprojekt "Bärensee" auf der Hinterbühne des Großen Hauses Premiere, "Ballett XS bis XXL", so der aparte Untertitel. Die Assoziation zu Tschaikowskys Klassiker "Schwanensee" ist gewollt, doch statt federleichten Grazien stehen hier 22 Laien unterschiedlicher Kulturen im Alter von 18 bis 72 Jahren auf der Bühne, viele davon ausgesprochen voluminös (Regie und Choreografie: Teresa Rotemberg). Das wird durch die hautengen, teilweise bemalten Körper nicht eben kaschiert (Bühne und Kostüme: Birgit Holzwarth). Als quietschbunte Rubens-Nixen tollen die Bewohner der Seewelt bald zwischen riesigen blauen Sitzsäcken herum – man tanzt Tango, wirft sich in laszive Posen, greift sich beherzt in Bauchfett und Wabbelarme oder trippelt in clownesken Viererreihen über die Bühne.
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Mit Ballett hat diese kraftvoll-fröhliche Choreografie nur in Spurenelementen zu tun – der Rest ist pralle Lebenslust und provokante Parodie. In Spannung gehalten wird der muntere Reigen vor allem durch die komplexe Musik von Ro Kuijpers, deren musikalische Uraufführung durch das 62-köpfige, auf der Bühne sitzende Sinfonieorchester "Per Tutti" unter der Leitung von Nikolaus Reinke mitreißend umgesetzt wird: Latin-Rhythmen mixen sich mit schrägen Tschaikowsky-Anleihen, Orientalisches changiert zwischen Jazz und Zigeunermusik. Umso krasser der Wechsel zur effizienten Stadtwelt: Auf der hereingeschobenen Rollbühne türmen sich schmale Kästen, die von einer Schar grau gekleideter Menschen und ihrem Despoten bevölkert werden. Zu serieller Minimal Music in ungleichen Rhythmen bewegen sich die dünnen Tänzer in zackigem Gleichschritt zwischen Kampfsport und Aerobic, jede Bewegung wie fremdgesteuert unter ausgezirkelter Kontrolle. Klar, dass sich nun eine Dicke in einen Dünnen verguckt, logisch, dass bis zum Happy End nicht nur Welten, sondern auch ganz unterschiedliche Körper und Bewegungssprachen aufeinanderstoßen: Sinnlich Fließendes trifft auf harte Kontur, Bewegungslust und Vitalität auf genormte Bewegungsmuster. Das hat für den Zuschauer durchaus Witz und Dynamik: Wenn XS-Taillen mühelos umfasst werden, mollige Hüften zu Samba-Rhythmen gegen knochige Becken stoßen, verführerische Bauchtanzgesten auf ihre steifen Imitationen treffen...
Choreografie, Tanz, Musik – alles uneingeschränkt gut gemacht und mit viel Präsenz und Spielfreude auf die Bühne gebracht. Absolut schlüssig auch, zu diesem Thema nichts als die Körper sprechen zu lassen. Und doch: So richtig wollen die Teile dieser knapp einstündigen Produktion nicht zusammenkommen. Das liegt zum einen an der platten Geschichte: Zugegeben, auch "Schwanensee" bietet nicht eben komplexe Inhalte, aber bei so viel persönlicher Betroffenheit hätte man sich doch mehr Facetten und Zwischentöne gewünscht. Der Prozess hinter dem Stück, die Annäherung der Beteiligten, all die Auseinandersetzungen mit dem eigenen Körper, mit Normen, Vorurteilen, Fremd- und Selbstwahrnehmung – die kommen zwar in Form von Vitalität und Selbstbewusstsein auf die Bühne, nicht aber in ihrer künstlerischen Form. Der mutigere Weg wäre der zu mehr Selbstverständlichkeit gewesen, verstärkt die Trennung in zwei Welten die Polarisierung doch so stark, dass es zur Klischee- Reproduktion nicht weit ist: Dicke sind fröhliche Ulknudeln, Dünne verspannte Genussverächter. Für eine gelungene Parodie ist dieses Märchenschema zu nah am Stereotyp, für individuellen Ausdruck scheint die vorgegebene Struktur zu stringent. Unterhaltsam ist dieser Bärensee, nachhaltig aber nicht.
– Weitere Vorstellungen: diesen Sonntag, um 19.30 Uhr und am 15. Juli um 16 und 19.30 Uhr. Großes Haus, Hinterbühne. Karten an der Theaterkasse oder unter Tel. 0761/2012853.
Autor: Marion Klötzer



