Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

02. November 2012

Big Brother im Bauernmilieu

Das Atelier-Theater Riehen startet mit der Komödie "Holzers Peepshow" in die neue Saison.

  1. Szene aus der Komödie „Holzers Peepshow“ zur Eröffnung der Saison im Ateliertheater Riehen Foto: Roswitha Frey

Auf dem Hof der Holzers ist die Welt noch in Ordnung. Scheinbar. Denn das traute Bauernfamilien-Leben ist nur gespielt. Hinter den Kulissen fliegen die Fetzen. Ein bisschen erinnert die Komödie "Holzers Peepshow" von Markus Köbeli an die Reality-Shows im Fernsehen. Nur, dass es sich nicht um die Geissens, Katzenbergers & Co. handelt, die ihr Leben zur Doku-Soap machen, sondern um die Bauersleute Holzer, die in den Schweizer Bergen hausen. Weil die Landwirtschaft nichts mehr abwirft, kommen sie auf die Idee, Urlaubern heimelige Heidi-Idylle vorzugaukeln und sich in die Bauernstube gucken zu lassen – gegen Geld. Sozusagen Big Brother im Bauernmilieu...

In der Basler Dialektfassung von Yvette Kolb hatte das Stück des Berner Autors als neue Hausproduktion im Atelier-Theater Riehen Premiere. Die mit hintergründigem Humor, Wortwitz und Situationskomik gespickte Inszenierung von Dieter Ballmann führt mitten hinein in die trügerische Gemütlichkeit einer rustikalen Stube. Da hockt der Großvater (in einer stummen Rolle, aber mit beredter Mimik: der 86-jährige Walter Huber) an seinem 90. Geburtstag teilnahmslos im Rollstuhl, mit Filzpantoffeln und Gazette, und stiert ins Leere. Schnell horcht ihm die Schwiegertochter den Herzschlag ab: "Regelmäßig wie ein Schweizer Ührli...".

Werbung


Im Sessel daneben fläzt Altbauer Hans, in seiner wortkargen Art überzeugend gespielt von Mario Donelli, der phlegmatisch in die Glotze stiert, "so, so" brummelt und abgestumpft aufs Essen wartet. Isolde Polzin gibt glaubhaft die von ihrem maulfaulen Mann und dem monotonen Einerlei frustrierte Bauersfrau Martha, die sich "schon mal Gedanken über das Leben macht, wenn der Tag so lang ist". Ihr Sohn, Jungbauer Hans, dynamisch dargestellt von Thomas Hardegger in zünftigen Gummistiefeln, denkt fortschrittlicher und will auch vom Tourismus-Boom profitieren. Die erfrischend unbekümmert agierende Ursina Früh als Tochter Anna bringt frischen Wind in den Mief der Biederkeit: "Stinklangweilig" und "megatrostlos" findet sie es auf dem Hof, auf dem nie irgendetwas passiert: "Ein bisschen Action könnte schon nicht schaden." Dagegen halten die Eltern am Alten fest: "Ist doch schön bei uns, wie auf einer Postkarte. Landleben wie früher, gute Luft wie früher, Schweiz wie früher...". Da prallen Welten, Ansichten und Generationen aufeinander.

Doch schließlich macht die ganze Familie und führt als Touristenattraktion nostalgisches Bergbauernleben vor – voll im "Swissness"-Trend. In diesen Szenen wird das Klischee von heiler Bauernwelt, Heimeligkeit und Gemütlichkeit kräftig parodiert, wenn die Holzers eine Bilderbuch-Bauernfamilie "so wie früher" mimen: mit Tracht, Lederhosen, geblümter Kittelschürze, Jodeln, Röstipfanne und Schweizer Fähnchen. Die von Bühnen- und Kostümbildnerin Dietlind Ballmann pittoresk ausgestattete Bauern-Farce gipfelt darin, dass "Heidi" auf Japanisch gespielt wird, samt pseudofröhlich springender Heidi, dem Geißenpeter, dem Großvater als Alp-Öhi mit weißem Rauschebart und Pfeife, und Mutter Martha als Fräulein Klara aus der Stadt, das in der Alpenluft wieder gesund wird.

Sobald der weiße Vorhang zugezogen wird und die Touristen wieder weg sind, ist echte Familientragödie und Ehedrama mit bitteren Tönen angesagt. Isolde Polzin und Mario Donelli laufen zu starker Form auf, wenn sie sich als störrisches Ehepaar gehässig angiften. Er ersäuft den Frust im Wirtshaus, sie schält krampfhaft Äpfel, weil’s doch ein "Apfeljahr" ist, und der Familienfrieden geht zu Bruch. Im Schlussbild taucht Tochter Anna, nun Serviertochter in der Stadt, im modischen Mini auf und Sohn Hans in cooler Motorradkluft, und beide staunen nicht schlecht, was ihre Eltern den Touristen nun vorspielen: lautstarken Ehekrach statt heimelige Welt... Ein vielschichtiges Stück also, das auch Nachdenkenswertes erzählt über Auswüchse des Tourismus, Bauernsorgen, alte Zeiten und neue Zeiten, echtes und gespieltes Leben.
– Vorstellungen bis 22. Dezember, Freitag und Samstag 20 Uhr, Silvester 17.30 und 20.30 Uhr. Tel.  004161/6016957

Autor: ros