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28. Oktober 2010

Bodenständig abgehoben

Cornelia Huber spartenübergreifende Performance "My Life Between" im Basler Zollfreilager.

  1. In „My Life Between“ schafft sich jeder Zuschauer sein eigenes Stück. Foto: Veranstalter

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Und wenn nein? Die Frage stellt sich nicht. Zwar zählt es zu den bezeichnendsten Eigenschaften des Bestsellertitels, eigentlich immer zu passen. Nirgends galt das bisher aber mehr als in Cornelia Hubers "My Life Between". Selbstverständlich kommt das "wer bin ich" nirgends vor. Hubers Kunst ist subtiler. Wer aus ihrer jüngsten spartenübergreifenden Performance im Dreispitz-Zollfreilager ins wirkliche Leben zurückfindet, könnte indes Mühe haben, sich darin gleich wieder wie gewohnt einzurichten.

Im laufenden Barbetrieb nimmt den Mann am Klavier nicht gleich jeder wahr. Anstelle einer Bühne gibt es an seiner Seite eine raumgreifende Installation hinter Glas. Eine stilisierte Puppe, ein schwebender Sessel, ein auf einem Sockel aufgebautes Bett. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich Wasser am Boden. Luzian Jenny blickt sich am Klavier mehrmals um. Wer gibt seinen Einsatz? Die Puppe im Bett zuckt, mit einem Finger zuerst, dann mit dem Arm. Auch ihre ersten Bewegungen bleiben noch weitgehend unbemerkt. Mit schrägen Tönen aus dem verstimmten Klavier beginnt jetzt das Stück, das keine geschlossene Einheit ist, sondern eine bewegte Installation aus Tanz, Ton und Theater.

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Eine eigene Rolle bekommt neben den Akteuren das Publikum, das nicht en bloc, wie im von der Bühne getrennten Zuschauerraum wahrgenommen wird und wahrnimmt. Jeder schafft sich sein eigenes Stück, jeder ist seine eigene Wahrnehmung.

Das beginnt mit der Eingangspuppe "Jot Em", mit der sogar via Facebook kommunizieren kann, wer sich die Freunde des "Social networks" leisten mag. Sie verschwindet nach einem ersten skurrilen Auftritt im Bett, um in fünf Darsteller des Abends zu zerfallen, die sich jetzt als Halbkörper wie schläfrige Schlangen eines Medusenhauptes aus den Kissen herauswinden. "Ein Plädoyer für das Prinzip des Subjektiven" nennt Cornelia Huber ihr Angebot an ihre Gäste, sich selbst ein Bild zu machen. Wer, an feste Darbietung gewohnt, nicht gleich folgen kann, darf sich an seinen "Atmosphärenbegleiter" wenden, der oder die allerdings seinerseits mehrere Gesichter hat.

Alle Bewegungen sind von jetzt an frei, es gilt, sich seine eigene Performance zu schaffen. Ob man bei der sich selbst filmenden Puppenstubenfrau (Ingetje Wielenga) Platz nimmt, oder sich, gerne auch mehrfach, in den Bann des Erdentänzers (Patrick Entat) ziehen lässt, der plötzlich in eigene Zwischenräume abtaucht und zum Tiermenschen wird, im nächsten Moment aber wieder mit dem Besucher plaudert: jeder ist Herr seiner subjektiven Wahrnehmung. Jeder kann sich allein durch verschiedene Labyrinthe tasten, im Wolkenraum aus Fallschirmseide selbst Bewegung aufnehmen, einen Garten mit Papierblumen verändern oder sich in der Werkstatt des Zwischenraums mit dem Schauspieler Markus Merz und anderen Besuchern unterhalten. Das könnte an vielen weiteren Stationen endlos so weitergehen.

"Atmosphäre entsteht immer im Wechselspiel zwischen etwas mir Entgegenkommendem und etwas von mir Ausgehendem", lautet einer der Ausgangssätze in Cornelia Hubers Subjektivitätsprojekt. Die 34-jährige besetzt in und um Basel immer neue Zwischenräume und Schnittstellen. Man begegnet ihr im Birsfelder Roxy oder eben in den spröden Räumen des alten Zollfreilagers, wo die KünstlerinIn sich zuletzt 2009 dem Projekt Sehnsucht gewidmet hatte. Immer geht es um Tanz, Theater, Musik, Performance und bildende Kunst. Angenehmerweise entsteht dabei nicht ein alles ab- und überdeckendes Gesamtkunstwerk. Eher wird zum Greifen nah überirdisch und gleichzeitig verblüffend bodenständig geschwebt.
– "My life between", Zollfreilager Basel, Dreispitzareal, Tor 13, 29. bis 31. Oktober, 5. bis 7., 12. bis 14., 19. bis 21. November sowie 3., 10., 17. November, jeweils 19.30 Uhr

Autor: ama