Breisacher Festspiele: „Isch er hi?“

Annabel Oriol

Von Annabel Oriol

Mo, 14. Juni 2010

Theater

Breisacher Festspiele: Jesse Coston inszeniert Agatha Christies Krimi "Mord im Pfarrhaus".

Das Pfarrhaus ist eine Institution, besonders in einer dörflich geprägten Gesellschaft: Autorität und Integrität herrschen vor. Was passiert, wenn ausgerechnet hier ein Verbrechen begangen wird? Und wenn alle Mitglieder der Dorfgemeinschaft plötzlich verdächtig sind, der Pfarrer und seine Frau eingeschlossen? Die Breisacher Festspiele haben in diesem Jahr "Mord im Pfarrhaus" der "Queen of Crime", Agatha Christie, in Angriff genommen. Seit 1924 beschäftigt sich die Stadt am Rhein mit Theater – mit einer großen Pause zwischen 1938 bis 1956. Das Ergebnis sind die Freilichtspiele auf dem Münsterberg, ermöglicht von engagierten Laienspielern, professionellen Regisseuren und den theaterbegeisterten Bewohnern, die treue Zuschauer sind.

Zurück zum Stück. Der allseits verhasste Richter Hampton wird am Schreibtisch von Reverend Clement (Wolf Aschmoneit) ermordet. Das Publikum gerät gleich in das Herzstück der geschlossenen Gesellschaft, die sich um den Reverend und seine Frau bewegt. Jedes Gesellschaftsmitglied hat besondere Charakterzüge. Zuerst taucht Mary (Patricia Kaiser) auf, die Haushälterin. Mit ihrem alemannischen Dialekt im britischen Kriminalstück gewinnt sie sofort das Vertrauen der Zuschauer und sorgt für Heiterkeit: "Isch er hi?", fragt sie, als der Richter tot über dem Schreibtisch hängt. Kaisers professioneller Auftritt lässt vergessen, dass sie nur eine kleine Rolle spielt. Die Frau vom Reverend, Griselda Clement (Alexandra Laurenat), besitzt Macht und Autorität, aber sie hat auch Geheimnisse. Mit welchem Zug ist sie eigentlich von London zurückgefahren, als der Mord passierte? Hilfspastor Ronald Hawes (Jürgen Röttele) leidet unter einer ungewöhnlichen Krankheit: Regt er sich auf, fällt er ins Koma. Lawence Redding (Udo Lange) ist in dem festen Dorfgefüge als Künstler ein Außenseiter – und vielleicht deshalb bei den Frauen sehr begehrt! Seine Liebesbeziehung zu Anne Hampton (Simone Engist), Frau des Richters, ist natürlich geheim. Deren eifersüchtige Stieftochter Virgina Hampton (Bianca Bürgin) ist eine verwöhnte, eigensinnige Zicke. Und dann sind da noch die aus dem englischen Landleben nicht wegzudenkenden Komiteemitglieder – Frauen, die Basare vorbereiten und Gerüchte in Umlauf bringen. Last but not least: Miss Jane Marple (Alexandra Großklaus) ist die scheinbar harmlose Nachbarin, die ihren Garten sorgfältig pflegt, strickt und der kein Detail aus ihrer Umgebung entgeht.

Jesse Coston, seit 2004 bewährter Regisseur der Festspielen Breisach, hat sich nach dem riesigen Erfolg von "Anatevka" im vergangenen Jahr eine Krimi-Komödie ausgesucht, deren Stärken der Dialog, der Wortwitz und die kleinen Gesten sind. Costons sensible Personenführung funktioniert, die Leistungen der Amateurschauspieler sind beachtlich. Allein: manchem Zuschauer fehlen in diesem Jahr womöglich Bewegung, Musik, Showspektakel. Stephanie Breidenstein (Bühnenbild) ist es gelungen, den großen Raum beherrschbar zu machen, in dem sie ihn geschickt in mehrere kleine Inseln aufteilt: Arbeitszimmer des Pfarrers, Wohnzimmer, Empore. Die im ersten Teil des Stücks durchgängig schwarz-weiße Bühne erinnert an die alten Krimiverfilmungen – dies bleibt übrigens die einzige Anlehnung an das Genre. Auch die Schauspieler tragen zunächst ausschließlich diese Farben, was für Eleganz und Leichtigkeit sorgt. In der zweiten Hälfte des Stücks tauchen die Farben Rot, Blau und Gelb auf. Eine Symbolik, die sich nicht unmittelbar erschließt – vielleicht einfach ein Regiegag?

Aufführungstermine unter: http://www.festspiele-breisach.de/