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07. Februar 2012
Da kommt auch die Staatskapelle ins Swingen
Der Heidelberger Musikchef Cornelius Meister dirigiert Stefan Herheims "Lulu"-Inszenierung an der Dresdner Semperoper.
Eine "Wunderharfe" hatte Richard Wagner die Sächsische Staatskapelle Dresden genannt. Ähnlich schwärmend verlässt man auch die Semperoper nach der Premiere von Alban Bergs "Lulu" - den Klang des Orchesters noch im Ohr. In knapp zwei Wochen sitzt das traditionsreiche Spitzenorchester erstmals im Orchestergraben des Festspielhauses Baden-Baden, um unter seinem designierten Chefdirigenten Christian Thielemann Richard Strauss" "Ariadne auf Naxos" zum Leben zu erwecken (Premiere am 18. Februar). Aber auch unter dem scheidenden Heidelberger Generalmusikdirektor Cornelius Meister zeigt sich das Ensemble als ein mit erstklassigen Solisten (Hörner!) bestücktes Künstlerkollektiv, das über eine ganz besondere Klangkultur verfügt.
"Hereinspaziert in die Menagerie", ruft der Tierbändiger im Prolog. Und führt in Stefan Herheims Dresdner Inszenierung, die 2010 in Kopenhagen Premiere hatte, gleich in die Zirkuswelt ein, die den ganzen Abend nicht mehr verlassen wird. Eine Clownsgruppe kaspert auf der Brüstung der kleinen Wanderbühne herum und kommentiert pantomimisch das Geschehen. Die toten Ehemänner der Lulu werden weiß geschminkt und kehren als Clowns zurück (Kostüme: Gesine Völlm). Ein Zirkuszelt (Bühne: Heike Scheele) gibt den Rahmen für Bergs vielschichtige Zwölfton-Oper. Aber die Zirkusmetapher wird im Laufe des Abends überstrapaziert. Die grellen Farben und ständigen Brechungen ziehen der Tragödie den Zahn. Stefan Herheim verzettelt sich in seinen verschiedenen Erzählebenen.
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Seine Lulu wirkt in ihren häufig wechselnden Kostümen und Frisuren konturenlos und ein wenig austauschbar. Die eigentliche Geschichte wird im Orchestergraben erzählt. Dirigent Cornelius Meister entwickelt mit der überragenden Sächsischen Staatskapelle Dresden jene Schattierungen, die der Inszenierung fehlen. Nur punktuell wird der Orchesterklang scharf wie in der Schluss-Szene, wenn die Kontrabässe ihr heftiges Tremolo so nah am Steg spielen, dass ein furchtbar animalischer Laut entsteht. Ganz dosiert setzt Meister solche Ausdrucksspitzen wie auch den fratzenhaften Ton der gestopften Hörner ein, um sofort wieder einen ganz runden Mischklang zu erzielen, der jede melodische Linie modelliert und nie statisch bleibt. Auch für den revuehaften Ton, wenn zu Beginn des dritten Bildes im ersten Akt ein Ragtime hinter der Bühne gespielt wird, hat der Dirigent eine Ader – und bringt die Staatskapelle Dresden zum Swingen. Gespielt wird in einer deutschen Erstaufführung die neue Fassung des dritten Aktes von Eberhard Kloke. Im Gegensatz zur Cerha-Fassung von 1979 strafft der einstige Freiburger Generalmusikdirektor den Fragment gebliebenen 3. Akt, reduziert in einigen Passagen des ersten Bildes wie von Alban Berg beabsichtigt die Instrumentierung auf Klavier und Solovioline und lässt Wedekinds Bänkelsängerlied passend von einem Akkordeon begleiten.
Im ausgewogenen Solistenensemble setzen Markus Marquardt (Dr. Schön/ Jack the Ripper) mit wuchtigem, aber nie zu rohem Bariton und Jürgen Müller als schmachtender, mit geschmeidigem Tenor geschmückter Alwa Akzente. Gisela Stille ist eine eher lyrische Lulu, die ihre stärksten Momenten in höchsten Sopranhöhen entfaltet. Im letzten Akt, wo auch die Inszenierung mehr Intensität erhält, kann die Schwedin dieser Figur ihren Stempel aufdrücken, wenn Lulu als verarmte Prostituierte zwischen den Regenschirmen umherirrt.
Autor: Georg Rudiger
