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03. Mai 2010
Der kollektive Körper
PREMIERE AM THEATER FREIBURG (I): Eine "totale Tanzattacke" nach dem Roman "Macht und Rebel" von Matias Faldbakken.
Da kotzt sich einer aus. Nein, umgekehrt: Entleert sich. Kommt vom Klo gar nicht mehr runter. Presst in die Schüssel seinen ganzen Hass:Hass auf sich selbst und auf die Welt, Hass auf all das Kleine, Mickrige, Hässliche. Langweilige einer wohlfahrtsstaatlichen Existenz, in der von der Wiege bis zur Bahre alles wohltemperiert geregelt ist; Hass auf die Schwachen, Hass auf die Fetten, Hass auf die eigene Familie, Hass auf Millionen Leute, die so herumrennen wie man selbst. Mit einer Hassorgie raus der repressiven Toleranzhölle: Auf diesem Boden wächst, man weiß es, nichts Gutes. Matias Faldbakkens Roman "Macht und Rebel" probt den Aufstand der Rechten in – man denke! – Schweden. Nicht dass der 1973 geborene Schriftsteller dem von Hitlers "Mein Kampf" inspirierten Gedankengut anhinge. Man muss davon ausgehen, dass er testen wollte, was geht an Provokation. Das analfixierte Werk fand, wie nicht anders zu erwarten, ein zwiespältiges Echo. Der literarisch treffendste Vorwurf: Wer so auf die Tube drückt, langweilt auf die Dauer fürchterlich.
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Das durfte in Freiburg, wo sich pvc, das Tanzensemble Freiburg-Heidelberg, im Kleinen Haus unter der Regie von Tom Schneider und Graham Smith unerschrocken dieser Liturgie aus der Unterwelt eines Möchtegern-Übermenschen angenommen hat, nicht passieren. Und das ist, so viel kann man gleich sagen, auch nicht passiert. Es beginnt wider Erwarten ganz zart und leise, mit einem verführerisch poetischen Bild: Ein Mann, die Augen hinter dunklen Gläsern verschwunden, tänzelt anmutig über die Bühne des Kleinen Hauses. Einen großen weißen Luftballon lässt Tommy Noonan schweben, fängt ihn mit der Fingerspitze und einem undurchschaubaren Lächeln wieder auf. Ein zwielichtiger maître de plaisir.
Dem puren Vergnügen scheint auch die Gruppe sorglos weiß gekleideter und Wasserstoff-blondierter junger Frauen (Kostüme: Franziska Jacobsen) hingegeben, die zu einem betörenden Walzer auf dem Cello des Musikers Thomas Jeker sich neckend und kichernd wie ein zwitschernder Vogelschwarm ballettös über die Bühne huschen: ein flüchtiger Traum, eine erotische Verlockung, Renoir im 21. Jahrhundert. Die Atmosphäre lädt sich sexuell weiter auf, wenn auf dem großen multifunktionalen Stahlgestell (Bühne und Video: Jens Dreske) sich ein pornografisches Duo zusammenfindet.
Das ist aber nur das Vorspiel. Aus der überdimensionalen goldenen Kloschüssel, die parodistisch das Zentralmotiv von Bakkens Text aufnimmt, steigen giftige Gedanken auf: Georg Hobmeier und Konrad Singer brüten faschistische Größenwahn-Phantasien aus – bis wie in einer Explosion zurückgehaltener Kraft hämmernde Rockmusik à la Rammstein einsetzt, Uniformen verteilt werden und die eben noch dekadent lüsterne Frauengruppe in den Springerstiefel-Gleichschritt fällt. Die obszöne Verbindung der Gewalt eines kollektiven Einheitskörpers mit sexueller Verführung muss man aushalten. Das Ensemble, allen voran Hobmeier als Einpeitscher, geht an die Grenze des Zumutbaren. Stereotype aus dem Wörterbuch des Unmenschen werden skandiert: Kraft durch Freude, Ausmerzung der Krebsgeschwüre. etc. Es ist scheußlich.
Und noch einmal wird in dieser "totalen Tanzattacke" zum Angriff auf die gequälten Sinne geblasen: nach einer Pause, in der die Tänzer, hingefläzt auf Stühle, wieder zu Individuen werden, die dies und das aus ihrem Leben erzählen, marschiert die tänzerische Uniformierung wieder auf: Das ist nicht nur für die mit Sound und Schreien bombardierten Zuschauer schweißtreibend, sondern vor allem für die fulminanten Tänzerinnen, die sich mit den dröhnenden Beats der Band in eine Ekstase des individuellen Verschwindens hineinsteigern.
Dann wird es wieder ruhig. Zum Aufatmen ruhig. Auf den Leinwänden zwischen den Stahlgestellen erscheint in verlangsamten grobkörnigen Videobildern eine idyllische Frühlingswiese. Jeder steht dort für sich allein: schweigend, wartend, ratlos irgendwie. Und nichts geschieht mehr. Die großartige Musik von Thomas Jeker, die Hauptfigur dieser verstörenden Performance, zieht sich zu minimalistischen Klavierphrasen zusammen: Als ob jemand den Stecker aus der Dose gezogen hätte. Worauf warten die Menschen auf der Wiese – auf Erlösung gar? Man wird es nie erfahren. Einer nach dem anderen verschwindet spurlos aus dem Bild. Zuletzt tänzelt Noonan noch mit diesem unergründlichen Lächeln übers Gras. Die Zuschauer bleiben allein zurück. Kein Beifall soll den Abend adeln. Gut so. Man könnte ihn missverstehen.
– Nächste Aufführung 8. Mai. BZ-Kartenservice 01805/556656*
*01805: 0,14 €/Min. aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 €/Min.
Autor: Bettina Schulte
