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07. März 2011

Ateliertheater Riehen

Dyreks "Venedig im Schnee": Ein Missverständnis mit Folgen

Ateliertheater Riehen zeigt Gilles Dyreks "Venedig im Schnee" als Schweizer Erstaufführung.

  1. Isolde Polzin, Mario Verkerk und Michaela Egloff in der Gesellschaftskomödie „Venedig im Schnee“ (von links) Foto: Roswitha Frey

Es fängt harmlos an. Jean-Luc und seine Verlobte Nathalie erwarten Gäste zum Essen. Nun steht Jean-Lucs alter Studienfreund, den er zehn Jahre lang nicht gesehen hat, vor der Tür. Zusammen mit seiner Freundin Patricia, die sich merkwürdig benimmt: mürrisch, schweigsam, abweisend, mit frostiger Miene. Und schon bald nimmt das gemütliche Treffen der zwei Paare eine unerwartete Wendung…

Wie sich aus Missverständnissen die absurdesten und aberwitzigsten Situationen entwickeln können, zeigt die Gesellschaftskomödie "Venedig im Schnee" von Gilles Dyrek, die als Schweizer Erstaufführung im Ateliertheater Riehen Premiere hatte. Das intelligent und raffiniert gestrickte Stück um zwei Paare in Paris ist reich an überraschenden Pointen und amüsanten Verwechslungen. Alles beginnt damit, dass Nathalie und Jean-Luc das seltsame Benehmen von Patricia falsch deuten. Weil sie kein Wort sagt, wird sie für eine Ausländerin gehalten, die kein Französisch versteht. Patricia spielt das Verwirrspiel mit, findet Gefallen daran, die Gastgeber zu foppen, redet in einer erfundenen Fantasiesprache und behauptet, sie komme aus "Chouvenien" in Ex-Jugoslawien. Damit tritt sie eine richtige Lawine los. In hektischem Aktionismus wollen Nathalie und Jean-Luc dem vermeintlichen "politischen Flüchtling" helfen, radebrechen ("Du noch wollen Vorspeise?"), packen "Hilfspakete" mit Decken, Pullovern, altem Fernseher, Kuckucksuhr und Medikamenten als Spenden für das fiktive Land Chouvenien und räumen die halbe Wohnung aus. Die Situation wird völlig ins Groteske getrieben, wenn Patricia zu ungarischer Musik mit den Gastgebern um den Tisch tanzt und in einem slawisch klingenden Kauderwelsch von ihrer imaginären Heimat erzählt. Das Täuschungsmanöver bekommt eine Eigendynamik, die niemand mehr stoppen kann.

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Dem französischen Erfolgsautor ist eine satirische Gesellschaftskomödie mit ernstem, kritischem Hintergrund gelungen. Entlarvend und gut beobachtet schildert er das Verhalten zweier Paare, wie sie gegensätzlicher nicht sein können. Nathalie und Jean-Luc geben die Turteltauben mit Küsschen-Küsschen-Getue, nennen sich mit Kosenamen "Chou Chou" und nerven die Gäste mit intimen Details und Gerede über die Hochzeitsvorbereitungen. Bei Christophe und Patricia dagegen herrscht Eiszeit. Sie reagieren gereizt, öden und giften einander an, stehen kurz vor der Trennung, versöhnen sich aber zum Schluss wieder. So wird der Spieß umgedreht, aus dem turtelnden glücklichen Paar wird ein zerstrittenes und umgekehrt. Doch nicht nur Paar-Probleme und Beziehungskrisen werden in dem Stück behandelt. Autor Dyrek hinterfragt auch satirisch die Klischees und Vorurteile gegenüber Fremden, die Möchtegern-Solidarität und herablassende "Mildtätigkeit".

Theaterleiter Dieter Ballmann inszeniert das Stück mit viel Sinn für bühnenwirksame Situationskomik und pointierten Dialogwitz und bringt auch die bissige Gesellschaftskritik zum Vorschein. Die Inszenierung hält sehr gut die Balance zwischen Vergnüglich-Komödiantischem und hintergründiger Ironie, wenn das Abendessen zwischen gereizter Spannung, aufgesetzter Fröhlichkeit und betretenem Schweigen abläuft. Ein Quartett ausgezeichneter Schauspieler hält das Stück mit blendender Spiellaune in Schwung: Isolde Polzin als Nathalie, genannt Chou-Chou, gibt lebhaft die eifrig bemühte Gastgeberin, die es allen recht machen will, turtelnd verliebt scheint, Indiskretes ausplaudert, die Hilfsbereite und Mildtätige herauskehrt. Mario Verkerk als Jean-Luc ist überzeugend als kumpelhafter, jovialer Ex-Studienkollege, der peinliche Erinnerungen aus alten Uni-Zeiten aufwärmt und zu Hause als Pantoffelheld rüberkommt. Nico Deleu als Christophe bringt trefflich in Mimik und Gestik das Überhebliche, Arrogante, Genervte dieser Figur zum Ausdruck. Und Michaela Egloff als Patricia wandelt sich verblüffend von der misslaunigen Schweigsamen zur Frau, die diebisches Vergnügen an dem Falschspiel findet. Was es mit dem Titel und der rätselhaften Schneekugel "Venedig im Schnee" auf sich hat, wird in der letzten Szene aufgeklärt – mit einem echten Knalleffekt!


– Weitere Vorstellungen: 24., 25. März, 6., 7. April, 20 Uhr. Vorverkauf Musikhaus Geissler Lörrach, Tel. 07621/84460

Autor: ros