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06. Februar 2012

Eine Tochter leistet Abbitte

Joachim Schloemer inszeniert Elfriede Jelineks Stück "Winterreise" im Großen Haus des Freiburger Theaters.

  1. Ausgelöscht: Stephanie Schönfeld wird weiß gepinselt. Foto: korbel

Kein Ton von Schubert. Ein anderes Lied wird gesungen, das Lied, das einen späteren Bundespräsidenten in die Charts brachte. Walter Scheels Stimme kommt gut gelaunt aus einem Kofferradio. "Hoch auf dem gelben Wagen": Zuerst tanzt eine Gruppe Heranwachsender wild um das Gerät herum; später kreist es tönend allein um sich selbst, am Ende stellen die fünf Schauspieler kurz das Lied vor dem Verhauchen pantomimisch dar: Die Musik ist vom Körper aufgesogen – so wie Franz Schuberts Liederzyklus "Winterreise" nach den Gedichten von Wilhelm Müller in Elfriede Jelineks gleichnamigem Text Sprache geworden ist. Deshalb darf – das ist konsequent gedacht – kein Ton von Schubert sein in Joachim Schloemers Inszenierung von Jelineks "Winterreise", die jetzt im Großen Haus des Freiburger Theaters Premiere hatte.

Der Sensenmann hält die Zügel in der Hand

Auch kein atmosphärischer Hinweis. Keine Kälte, kein Schnee, keine Dunkelheit. Schloemers Bühnenbildner Jens Kilian hat ein klinisch weißes Rondell mit einer Rampe entworfen; halb Petrischale, halb Showbühne, wie es die Dramaturgin Jutta Wangemann in ihrem klugen Beitrag zum Programmheft treffend umschreibt. Das hervorragende Schauspielensemble – Nicole Reitzenstein, Stephanie Schönfeld, Gabriel von Berlepsch, Konrad Singer und Martin Weigel – trägt entindividualisierende Anzüge in Anstaltsblau und grobes Schuhwerk. Wie schon in "Die Kontrakte des Kaufmanns", Schloemers erster Freiburger Jelinek-Inszenierung, lässt der Regisseur und Choreograph die berüchtigten Textflächen der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin chorisch sprechen und von Spieler zu Spieler gleiten – obwohl es in der zweiten Hälfte des mit starken Kürzungen nicht zu langen Abends um ein veritables trianguläres Familiendrama geht: Vatermuttertochter in unheilvoller Verstrickung – zwei gegen einen, wie es an einer Stelle heißt: Mutter und Tochter Jelinek gegen den an Alzheimer erkrankten Vater, den sie in ein Wiener Pflegeheim gaben, von wo er in die Psychiatrie "verbracht" wurde, in der er kurze Zeit später starb.

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Mehr als 40 Jahre später leistet die Dramatikerin Abbitte, indem sie dem verstummten Vater ihre Stimme leiht. Ihn als Fremden, fremd Gewordenen, abgeschnitten, abgeschoben von seinen Nächsten, kenntlich macht: als Widergänger von Schuberts und Müllers Winterreisendem. In Michael Simons Karlsruher Inszenierung war der Vater ein armer, vor sich hinschlurfender Mensch in Pantoffeln und Strickjacke. Ihn nicht zu personalisieren, leuchtet indes ein: Ist die Figur doch nichts anderes als eine Projektion von Jelineks schlechtem Gewissen: eine mutige gewiss, eine schonungslose, eine selbstquälerische. Joachim Schloemer hat die nachgetragene Liebeserklärung der damals mit Aggression und Abwehr reagierenden Tochter aus dem Text herauspräpariert und dafür seinen gesellschaftspolitischen Resonanzraum mit der Reflexion auf die Verschleppung und Einsperrung von Natascha Kampusch gekappt. Außerdem hat den Regisseur die in den ersten beiden Kapiteln evozierte Frage nach der Zeit interessiert.

Deshalb wohl laufen die Schauspieler öfter im Kreis. Aus der Zeit gibt es kein Entrinnen. Sie hat einen immer schon eingeholt. Oder überholt. Seit Heidegger, mit dem sich Elfriede Jelinek intensiv auseinandergesetzt hat, weiß man, dass das Dasein ein Vorlaufen in den Tod ist. Auch der Reisende auf dem gelben Wagen kann nirgends verweilen: "Ich wär’ so gerne geblieben, aber der Wagen, der rollt." In der letzten Strophe des vordergründig aufgekratzten Volkslieds hält der Sensenmann die Zügel in der Hand. Die Zeit, das Abstrakteste und uns zugleich Nächste, das Vergehen, das wir selber sind, anschaulich zu machen, ist naturgemäß schwierig. So sieht man der Inszenierung am Anfang – auch in der Konfrontation der Lebensalter: der tanzenden "Kids" und der von der ersten Zuschauerreihe aus den Rhythmus klatschenden "Mets" (Mitglieder der Seniorentheatergruppe "Methusalems") – ihr Bemühen um Darstellbarkeit zu sehr an. Auch wenn die berüchtigten Jelinek’schen Kalauer mit feiner Ironie herausgespielt werden und die notabene stark mit der Bewegung der Körper arbeitende Regie immer wieder zu sinnfälligen choreographischen Bildern findet: Beim leitmotivisch skandierten abgründigen Satz: "Ich verlange die Berührung, die mir zusteht" fallen die Schauspieler in unmissverständliche sexuelle Posen: Zärtlichkeit, Berührung ist da nirgends. Und man könnte an Natascha Kampusch und alle anderen Opfer dieses Satzes denken …

Schloemer gelingt die Rhythmisierung der "Winterreise" aus dem Innern der als Partitur aufgefassten Sprache Jelineks. Hier trifft seine Erfahrung als Tänzer: Bewegung ohne Musik erzeugen zu wollen, auf die Texte einer gelernten Organistin, die Musik auf ihre eigene Weise hervorbringen. Als Hilfsmittel benutzt die Inszenierung ein Metronom, das den Sprechtakt gelegentlich zum Rasen bringt: zu so etwas wie rasendem Stillstand, denn es geht ja nichts voran im Karussell der Zeit, es geht höchstens etwas vorbei. "Mein Vorbei, es kommt nicht wieder, am Vorbei kommt man nicht mehr vorbei. Vorbei ist vorbei. Fragen Sie die Zeit! Sie wird es Ihnen bestätigen": Jelineks Suada versucht, das Immer-schon-vorbei-sein spürbar zu machen – und die Schauspieler rennen sich selbst hinterher.

Dieses allzu Augenfällige der Inszenierung verliert sich zunehmend beim Monolog des Vaters, den die Regie in eindrückliche Szenen fasst: Wenn Stephanie Schönfeld von oben bis unten mit weißer Farbe eingepinselt wird – ein Vorgang der Auslöschung –, wenn Martin Weigel in sich versunken, von außen nicht mehr erreichbar, vor dem magisch leuchtenden Radio hockt; wenn das Ensemble mutterliebebedürftig auf die Methusalems zurobbt, während an der Wand die Kids aufdämmern und sich wieder im Ungefähren verlieren. Fremd eingezogen. Fremd ausgezogen. Ein bemerkenswerter Abend. Große Zustimmung.
– Weitere Aufführungen am 9., 11., 17. und 24. Februar, sowie am 1., 9. und 18. März, Tel. 0761/496 88 88.

Autor: Bettina Schulte