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01. Februar 2012

Familie Feuerstein geht nicht unter

Amélie Niermeyer inszeniert in Basel Thornton Wilders Stück "Wir sind noch einmal davongekommen" als schrille Satire.

  1. Theater Basel: Wir sind noch einmal davon gekommen. Mit Andrea Bettini, Mavie Hörbiger, Statisten des Theater Basel Foto: Judith Schlosser

Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" von 1943, nach dem Krieg eines der meistgespielten Stücke in Deutschland, wird heute kaum noch gezeigt. Wer im Angesicht der permanenten Apokalypse noch ungeschoren davonkommen will, muss entweder dumm, blind oder ein bibelfester Höhlenmensch wie Mr. Antrobus sein. Wilders unverwüstliche Menschheitsfamilie, die Dinosaurier und Mammuts als Haustiere hält und nach jedem Weltuntergang mit heiterer Zuversicht wieder von vorn anfängt, erinnert heute weniger an Adam und Eva als an Familie Feuerstein oder Heile-Welt-Satiren wie "Die Truman Show". Wilders Hoffnung, der Mensch könne sich mit abendländischem Humanismus, Gottvertrauen und Ironie noch einmal aus der Patsche retten, gilt als ebenso überholt wie die formalen Mittel, die er sich bei Joyce, Brechts epischem Theater und barocken Allegorien borgte.

Dass "Wir sind noch einmal davongekommen" im Nachkriegsdeutschland als Schicksalsdrama empfunden wurde, wie gemacht für die Stunde Null, macht seine Wiederaneignung noch schwieriger. Mit Opas Verdrängungstheater will man sich nicht mehr die Hände schmutzig machen. Damit tut man Wilder aber Unrecht. Selbst wenn man seinen amerikanischen Adam und seine pragmatische Eva für Dinosaurier, seinen Glauben an Familienwerte und die christlich-abendländische Buchkultur für überholt hält, bleibt sein Stück immer noch großes Theater. Man muss nur Wilders Katastrophen – Eiszeit, Sintflut, Weltkrieg – durch Erderwärmung, Schulden-Tsunami, Fukushima oder Afghanistan ersetzen: Schon könnte man sich wunderbar am zeitgenössischen Alarmismus reiben. "Die Menschheitsrevue des Broadway-Calderon", schrieb Georg Hensel einmal, "ist so lange eine Aufführung wert, als der Weltuntergang gerade noch einmal verschoben wird".

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Das dachte wohl auch Amélie Niermeyer, einst Intendantin in Freiburg und Düsseldorf und jetzt wieder freie Regisseurin. Zwei Akte lang inszeniert sie Wilders Klassiker in Basel als durchaus erfrischende Familien-, Konsum- und Mediensatire, ganz nach Mr. Antrobus’ Devise "Amüsiert euch!". Auf den Teppichen von Familie Mensch geht es so schräg und schrill zu wie bei den Simpsons oder Flintstones: Kuschelsaurier watscheln über die Bühne, eine bärtige Telegrammbotin singt Arien, Tochter Gladys (Claudia Jahn) lupft kichernd ihr Röckchen und Henry, der böse Junge mit dem Kainsmal, hantiert gefährlich mit Pistolen und Pflastersteinen. Der Hausherr (Andrea Bettini) ist ein Spaßterrorist in Skianzug und Fellmütze, der jovial-brutal Frau und Kinder deckelt, sich als Präsident des Säugetiervereins in Politikerpose wirft. Christiane Roßbach, zu Niermeyers Zeiten Mitglied des Freiburger Ensembles, gibt seine Gemahlin als perfekte Hausfrau und hysterische Mutterglucke; manchmal wird das dralle Heimchen am Herd sogar zur Frauenrechtlerin. Mavie Hörbiger, nach ihrem Wechsel zum Burgtheater wieder mal Gast in Basel, zeigt ihr beträchtliches komisches Talent als tollpatschiges Dienstmädchen, kokettes Teppichluder und verführerische Miss Shoppy Center und fällt immer mal wieder zickig aus ihrer Rolle: "Ich sage den Text auf, aber ich denke nicht darüber nach."

So ähnlich wurstelt sich auch die Slapstick-Familie Antrobus durch die Welt- und Basler Theatergeschichte: Munter und amüsant, aber ohne Blick für die Abgründe des Stücks. Den dritten, schwierigsten Akt hat Niermeyer ersatzlos gestrichen und durch Texte der Katastrophenspezialistin Kathrin Röggla ersetzt, um der Gefahr des "moralischen Zeigefingers" zu entgehen und das Stück näher an die Gegenwart zu rücken. Der Plan geht nicht auf. Rögglas Sprachspiele, eine politisch korrekte Kompilation aus den beschwichtigenden Phrasen überforderter Finanz- , Schweinegrippen- und Klimakatastrophenmanager und den Vokabeln zeitgenössischer Orientierungslosigkeit, sind nicht nur Fremdkörper in der aufgekratzten Weltuntergangsstimmung, sondern selber Dokumente der Rat- und Hilflosigkeit. Wenn es eng wird, fallen die Kulissen – und die Schauspieler aus der Rolle: Am Ende sagen sie nur noch Rögglas "Katastrophengrammatik" im Dunkeln auf. So geht das Feuer, das die Regie mit ihrem prähistorischen Gagfeuerwerk entfachte, sang- und trostlos aus. Niermeyer wollte Wilders Menschheitsrad als Groteske neu erfinden, aber auf halber Strecke gehen ihr die Luft und die Ideen aus.

– Weitere Vorstellungen: 1., 2., 8., 12., 14., 15. und 17. Februar. Tel. 0041/61/ 2951133.

Autor: Martin Halter