Großvater ist auch Stewardess

Bettina Gröber

Von Bettina Gröber

Mo, 29. April 2013

Theater

"Der Goldene Drache" im Freiburger Citytheater.

Roland Schimmelpfennigs "Der Goldene Drache" ist ein mehrdimensionales und multiperspektivisches Stück: rasche Szenenwechsel sowie ineinander verwobene Handlungsstränge dürfen als Spezialität des meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatikers gelten. "Der Goldene Drache", uraufgeführt am Wiener Burgtheater im September 2009 und 2010 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis prämiert, macht ein Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant zur Drehscheibe schlaglichthaft aufleuchtender Lebensgeschichten. Im Freiburger Citytheater am Martinstor brachte das Ensemble "Geschnitten am Stück" unter der Regie von Kathrin Schmider am Samstag seine Inszenierung auf die Bühne.

Um das Schicksal eines illegal immigrierten Chinesen und seiner Schwester gruppiert Schimmelpfennig Einblicke in verschiedene menschliche Existenzen. Der verlassene Ehemann, das ungewollt schwangere Paar, der am Alter verzweifelnde Greis haben bei aller Einsamkeit des Leidens eines gemeinsam: das Hadern mit dem, was man nicht oder auch nicht mehr hat, die Verzweiflung an zerstörten Sicherheiten, auch die Machtlosigkeit angesichts des Unabänderlichen. Der sterbende Chinese, der verblutet, nachdem ihm seine Kollegen in der asiatischen Küche einen maroden Zahn gezogen haben, wird zum Menetekel nicht nur für seine von einem Lebensmittelhändler misshandelte Schwester…

Die Sensibilität füreinander

Die Darsteller von "Geschnitten am Stück", von denen alle mehrere Rollen ausfüllen, entwickeln große Bühnenpräsenz. Verflechtung und Verdichtung geschehen nicht nur in der Handlung selbst, sondern auch und vor allem in ihrer Darstellung und Verwandlung. Christian Drake läuft sowohl als Großvater als auch als Stewardess zu tragikomischer Hochform auf, Marc Anquetil überzeugt als leidender Chinese ebenso wie als untreue Gattin. Was die Einzelnen wie die Gruppe als Ganzes auszeichnet, ist die Sensibilität füreinander, für das gemeinsame Agieren – kann doch die Umsetzung der vielfach verwobenen Handlung nur dank eines solchen Gespürs gelingen. Und so darf "Der Goldene Drache" in der Inszenierung durch "Geschnitten am Stück" entsprechend beurteilt werden: gelungen.