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21. März 2012

Hier muss (fast) jeder mit

Das Freiburger Koreografenkollektiv zeigt im E-Werk die Performance "Wir hätten so gerne ein Gruppengefühl".

  1. Koreografenkollektiv: Wir hätten so gerne ein Gruppengefühl. Yannis Karalis, im Hintergrund: Michael Shapira Foto: Britt Schilling

Es gibt keine Bühne, und es gibt keinen Zuschauerraum. Nichts, worauf man sich setzen könnte. Es gibt nur die leere Halle des Freiburger E-Werks, und wenn man sie mit den anderen, die diese Tanzperformance erleben wollen, betritt, hat irgendetwas schon angefangen. Hier und da und dort, über die weitläufige Fläche verteilt, bewegen sich zwischen den Zuschauern Menschen in hellgrauen Overalls, drei Männer, drei Frauen, und sie bewegen sich eigenartig: ruckartig, wie ferngesteuert, den leeren Blick ins Unbestimmte gerichtet. Obwohl sie so immer wieder so nah an die Zuschauer herankommen, dass man sie berühren könnte, bleiben sie doch unerreichbar: in einer anderen Welt.

Von dieser Spannung lebt die neue Produktion des Freiburger Koreografenkollektivs (Stephanie Moers, Sabine Noll, Valija Zinck, Oliver Lange): von der Unberührbarkeit des Berührbaren. Wer versuchte, die Tänzer anzusprechen, mit ihnen in Interaktion zu treten, bliebe ohne Echo. Aber man tut es nicht, auch wenn die Neugier einen immer wieder zu ihnen treibt. "Wir hätten so gerne ein Gruppengefühl" hat das Quartett die Performance genannt. Über den Satz kann man länger nachdenken. Hätten ist nicht haben. Und wer ist "wir"? Die Tänzer, das Publikum – oder beide Gruppen miteinander? Das Tänzer-Sextett (Yannis Kasalis, Maka Mamporia, Emi Miyoshi, Michael Shapira, Simon Stefani, Nina Wehnert) jedenfalls findet aus der Isolation der solistischen Scheinwerferkegel (Licht: Markus Frietsch) zunehmend heraus: erst paarweise, dann auch als Kollektiv. Gemeinsam messen sie den Raum aus, bahnen sich Wege durch die Zuschauer, die sich wie die Tänzer immer wieder neu formieren – sich an manchen Stellen ballen, die Längsachse der Halle unterteilen, so dass zwei kleinere konzentriertere Räume entstehen.

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Es ist – zu den sphärisch-dunklen elektronischen Klängen von Chris Huwer – ein stetiges Wechseln von Positionen, ein Spiel mit unmerklichen Verschiebungen, mit Anziehung und Abstoßung, draußen und drinnen, Dazugehören und Abseitsstehen: bis die Tänzer, wieder wie zu Beginn irgendwo einzeln verteilt im Raum, erstarren. Minutenlang. Das verunsichert. Was nun? Ist das schon das Ende? Doch die Musik bleibt nicht nur, sie ändert sich: nimmt Fahrt auf, wird hell und leicht und vor allem tanzbar. Sehr tanzbar. Ein Rhythmus, der in die Glieder fährt. Unwillkürlich wippen macht. Und allmählich und immer stärker geraten Einzelne aus dem Publikum in Bewegung: Und es werden immer mehr, die da jetzt tanzen, die Arme hochwerfen, ausgelassen durch die Halle toben, herum um die in all der plötzlich entstandenen positiven Energie wie eingefrorene Wesen vom anderen Stern wirkenden Overallträger: Ein beschwingendes Gruppengefühl ist entstanden, mit Hilfe dieses Rhythmus, bei dem jeder mitmuss.

Na ja, nicht jeder. Manche Zuschauer stehen immer noch an die Wand gelehnt oder gedrückt oder hingehockt, bis die Musik wieder abebbt und Teil drei der Performance beginnt, die hier nicht mehr beschrieben werden kann. Nur so viel: Die Verblüffung ist groß. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen. Das tänzerische Experiment, als das "Wir hätten so gern ein Gruppengefühl" verstanden werden will, ist geglückt – und glückt vermutlich an jedem der noch folgenden Abende anders. Vielleicht hätte es noch radikaler ausfallen können. Aber die Wege, die das Koreografenkollektiv einschlägt, sind anregend genug.

– Weitere Aufführungen: 22., 23. und 24. März, 20 Uhr, E-Werk, Freiburg, Eschholzstraße 77. Karten unter Tel. 0761/4968888

Autor: Bettina Schulte