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20. April 2011 18:09 Uhr

Elfriede Jelineks "Winterreise" am Theater Karlsruhe

Leierfrau und Mehrheitsmeute

Michael Simon inszeniert Elfriede Jelineks Schubert-Paraphrase "Winterreise" am Staatstheater Karlsruhe. Das Ergebnis ist eine elegische Meditation über das Verstummen und Verschwinden des sprechenden Subjekts in der eisigen Kälte der Gegenwart.

Der Musiktheaterspezialist Michael Simon hat in Karlsruhe durchaus schon bemerkenswerte Inszenierungen von Peter Handkes "Spiel vom Fragen" und Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen" abgeliefert. Auch jetzt, beim zweiten Blick auf Jelineks "Winterreise" (nach Johan Simons Uraufführung an den Münchner Kammerspielen), ist ihm wieder Erstaunliches gelungen: Bis zur Pause werden Jelineks Textflächen und Kalauergewitter als Pantomimen gespielt und getanzt. Jelinek, die Königin des rasenden Sprachspiels, sprach- und fast bewegungslos: Das ist doch mal was Neues.

"Seltsam im Nebel zu wandern", heißt es in einem Hesse-Gedicht, und das gilt auch für die Wanderer in Simons stummem Bilderbogen voll alptraumhafter Assoziationen. An die 20 gesichtslose Figuren, angetan mit buntem Alltagsfummel, schwarzen Strumpfmasken und grotesken Tierfratzen, schälen sich zu Beginn des Abends aus Nebel und Dunkelheit und stellen Motive aus Jelineks Schubert-Überschreibungen nach: Einsamkeit und Heimatlosigkeit, unterdrückte Schreie, gefesselte Wanderlust und gehemmte romantische Sehnsucht, Verirrung, Verwirrung und Vergessen, Scheitern im Schneegestöber.

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Eine Braut taucht wie eine Fata morgana auf, menschliche Wegweiser zeigen ins Nirgendwo, zwei Frauen in riesigen Reifröcken nehmen einen alten Mann auf dem Familiensofa in die Zange. Nach einer halben Stunde verstummen Arvo Pärts Cello- und Klaviersonaten; die Dame mit dem rollenden Hündchen, Einhorn, Löwen- und Pferdekopf trollen sich und geben die Bühne für das Spiel der Wörter frei. Aber auch im weiteren Verlauf des nur zweistündigen Abends bremst Michael Simon Jelineks Redeschwall immer wieder klug aus. Ein eingefrorenes lebendes Bild, ein schwermütiger Cello-Seufzer sagt mehr als 1000 Worte und die ganze "alte Leier" von den lebenden Toten im Allgemeinen und von Terror, Wahnsinn und Verdrängung im Hause Jelinek im Besonderen.

Johan Simons hatte kürzlich bei der Erstbesteigung an den Münchner Kammerspielen mit bayrischen Wanderstiefeln und holländischen Holzpantinen in drei Stunden etwa die Hälfte von Jelineks Textgebirgen erklommen. Simon spielt nicht einmal ein Drittel und bleibt doch enger an Jelineks Schubert-Paraphrasen. Der Fall Kampusch, das Inzestdrama im Keller von Amstetten, die in München breit ausgewalzte Brautschau der Hypo Alpe Adria Bank – Simon lässt all die medien- und bankenkritischen Umwege, die Jelineks Winterreise ins Herz ihrer persönlichen Finsternis und familiären Verfinsterung eher verstellen als erhellen, einfach weg und konzentriert sich aufs Wesentliche: das Leiden der aus Zeit und Welt gefallenen Leierfrau, der durch Alzheimer (bei Jelineks Vater) oder Kunst und Schuld (bei der Tochter) forcierte Ausstieg aus dem Rennen und Lärmen der "Abfahrer" und "Anleger", das Vergehen einer sensiblen Niemandsseele im Nichts. Mit einem Wort: die Melancholie des "Vorbei".

Unangestrengtes Spiel um Vergänglichkeit

Im Mittelteil von Simons Triptychon haben die Familiengespenster Jelineks ihren Auftritt: Motive des Vorspiels werden aufgegriffen, archetypische Bilder in Geschichten und Individuen übersetzt. Sebastian Kreutz ist der demente, in der Psychiatrie verdämmernde Vater, der vom hexenhaften Gewisper und Gekicher seiner beiden Frauen gequält wird. Der Tod, bei Thomas Schrimm ein grinsender Clown in Frauenkleidern, untermalt und verhöhnt seine wegdriftenden Erinnerungen mit den Dissonanzen einer E-Gitarre. Im dritten Teil steigt das Quartett in den Keller hinunter, wo alle ihre Leichen haben. Das Gebell der Hunde, das Schuberts Wanderer an seine Fremdheit und Ausgestoßenheit erinnerte, ist das Wolfsgeheul der "Mehrheitsmeute", die alles wegbeißen will, was ihren Fortschrittsglauben stört: "Wir schwimmen immer oben". Unten hausen die Kellermenschen, die Unzeitgemäßen und die Toten. Wer rennen, retten und flüchten kann oder will, bricht auf dem Eis ein.

"Dumm gelaufen", das letzte Wort in Karlsruhe, gilt nicht für diese intelligente Inszenierung. Simon macht aus Jelineks ausuferndem Totengedenken ein konzentriertes, unangestrengtes Spiel um Vergänglichkeit und Vergesslichkeit. Seine "Winterreise" ist eine elegische Meditation über das Verstummen und Verschwinden des sprechenden Subjekts in der eisigen Kälte der Gegenwart.

Autor: Martin Halter