Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

27. Januar 2012

Mach mir den harten Kommunisten

"Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus": Tony Kushners Familiendrama in Mannheim.

  1. Mannheim: Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus Foto: Hans Jörg Michel

Tony Kushner, spätestens seit seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Aids-Stück "Angels in America" der wohl bekannteste US-Dramatiker, stellte schon 1997 sein ganzes Leben und Schreiben unter die längliche Überschrift "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" (eine Kombination aus Shaws "Intelligent Woman’s Guide to Capitalism and Socialism" und Mary Baker Eddys esoterischer Bibel der Christlichen Wissenschaft). Vergangenes Jahr wurde Kushners gleichnamiges Stück in New York uraufgeführt: "iHo", so die Abkürzung, war so etwas wie ein Ratgeber zur diesseitigen Erlösung mit einem Schlüssel zu den Heiligen Schriften von Marx und Lenin, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle homosexueller Intellektueller in der amerikanischen Arbeiterbewegung und Reminiszenzen an das klassische Familiendrama von Tschechow bis Eugene O’Neill und Arthur Miller. Soll heißen: Groß gedacht und ziemlich gut gemacht, aber auch geschwätzig und total überfrachtet. Im Programmheft nimmt allein die Nacherzählung der Ereignisse vor Beginn des Dramas immerhin zehn Seiten ein.

Werbung


In Mannheim hat jetzt Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski, schon immer ein Freund des amerikanischen Theaters, die deutsche Erstaufführung inszeniert. Ähnlich wie in Tracy Letts Stück "Eine Familie", das Kosminski vor vier Jahren in Mannheim (und später dann auch Elias Perrig in Basel) zum Erfolg führte, wird der angekündigte Selbstmord des Familienoberhaupts zur Stunde der Wahrheit im Hause Marcantonio. Gus, der pensionierte Hafenarbeiter und alte Kommunist, sieht seine Felle davon schwimmen. Garantierter Jahreslohn, Solidarität, Würde, Wohlstand (immerhin ist Gus Eigentümer eines Vier-Millionen-Dollar-Hauses in Brooklyn), der Glaube an eine bessere Zukunft: Alles, wofür er gelebt und gekämpft hat, wird von seinen Nachkommen in Frage gestellt, und so will der Alte, bereits geschwächt von Depression, Resignation und womöglich Alzheimer, mit seinem Suizid ein letztes Fanal des Widerstands setzen.

Seine Kinder raten halbherzig davon ab, sind aber viel zu beschäftigt mit sich selbst, um Gus’ Verzweiflung und existenzialistisch-materialistische Dialektik angemessen würdigen zu können. Pill, der schwule Geschichtslehrer, hat Ärger mit seinem Mann, einem Theologieprofessor, der für ihn seine Karriere opferte, und braucht Geld für seinen Liebhaber, den Stricher Eli (Martin Aselmann). Seine Schwester, die taffe Lesbe Empty (Irene Kugler), lieh ihm 30 000 Dollar, die ihre Lebensgefährtin schon für eine künstliche Befruchtung verplant hatte. Maeve hält sich mit einer Gratis-Samenspende ihres Schwagers Vinnie schadlos und bekommt das ersehnte Kind, Empty schläft mit ihrem Ex-Mann. Gus’ Schwester Clio, früher mal Nonne und Maoistin im peruanischen Urwald, zieht sich angewidert aus der Schlammschlacht ums Erbe zurück. Vinnie schließlich, der cholerische Bauarbeiter, tritt vor Wut über den "ganzen radikalen, subversiven, hirnverbiegenden, lebensverschlingenden Quark dieser Familie" mit einer Garibaldi-Büste ein Loch in die Wand. Am Ende wird ausgerechnet Eli die Fackel des italienischen Anarchokommunismus weitertragen. Das letzte Wort behält allerdings der rote Patriarch: "Ich denke".

Denken und Diskutieren ist nicht nur Gus’ Hauptbeschäftigung, wenn er nicht gerade Horaz übersetzt. Alle Figuren sind mehr oder weniger homosexuelle, neurotische linke Intellektuelle, die pausenlos über Gott und das "Kapital", Revolution und Psychotherapie streiten. Selbst der Stricher kennt Marx’ Theorie der Verdinglichung, selbst Adam, der Prolet in der Trainingshose, zitiert Tschechows "Kirschgarten". Kushner will das Beste aus Schwulen- und Arbeiterbewegung retten, aber er wirkt dabei so hirnwütig und streberhaft wie ein notorischer Arbeiterklassenbester, und so führt sein Wegweiser des intelligenten Homosexuellen, der alles radikal neu denken will, nur zurück zu seinen alten Obsessionen.
"iHo" ist ein Familiendrama auf Ecstasy, rasend überdreht, multikulturell und schwer theorielastig. Kosminski macht auf der Drehbühne des Mannheimer Theaters daraus ein Karussell der verlorenen Illusionen, eine Art "Drei Schwestern" in New York, klassisch gediegen, deutsch und ordentlich. Aber drei Stunden gebremster dirty talk und "Mach-mir-den-harten-Kommunisten"-Theater sind doch auch ziemlich anstrengend, und was in Brooklyn oder am Broadway funktionieren mag, wirkt in Mannheim noch lange nicht. Eine Mischpoke nervöser, schwuler Stadtneurotiker als Keimzelle und Tod der kommunistischen Utopie? Edgar M.Böhlkes bräsiger King Lear im Lehnstuhl ist als selbstmörderischer working class hero ungefähr so glaubwürdig wie Woody Allen als Gewerkschaftssekretär.
– Weitere Aufführungen: 28. Januar sowie 1., 11., 15., 28. Februar. Karten unter Tel. 0621-1680150.

Autor: Martin Halter