Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. März 2010

Basel

Marthalers Musiktheater "Wüstenbuch": "Morgen kommt Ingeborg"

Das Musiktheater "Wüstenbuch" von Komponist Beat Furrer und Regisseur Christoph Marthaler wurde in Basel uraufgeführt.

  1. Menschen im Hotel: Beat Furrers „Wüstenbuch“ im Musicaltheater Basel Foto: judith schlosser

"Orte werden belebt durch Menschen, Menschen belebt durch Orte", schrieb der Germanist Peter Wapnewski 1974 in einem Essay. Es ist nicht davon auszugehen, dass er den damals 23-jährigen Christoph Marthaler gekannt hat. Sonst hätte er vielleicht auch die Antithese formuliert: Orte werden paralysiert durch Menschen. Menschen paralysieren Orte. Beides scheint möglich.

Orte? Die Räume, die Marthaler seinem Theater zuordnet, sind im Grunde Un-Orte. Oder im besten Falle Fluchtburgen eines spätbürgerlichen Eskapismus. Insofern muss man nun erst gar nicht mit dem Rätseln beginnen, weshalb der Schweizer Regisseur Beat Furrers neues Musiktheater "Wüstenbuch" nach Texten von Händl Klaus, Ingeborg Bachmann, Antonio Machado, José Angel Valente, Apuleius und Lukrez sowie das von Jan Assmann übersetzte altägyptische "Papyrus Berlin 3024" in einen Un-Ort verlegt: ein Hotel und seine Katakomben. Die Metapher, hier scheint sie zu passen. Jene traurige Durchgangsstation, die wir passieren, ohne große Spuren zu hinterlassen – ist sie nicht Synonym für vertrocknetes, ausgedörrtes Leben, Inkarnation von Endlichkeit? Und wer in all der Billighotel-Trostlosigkeit (Bühnenbild: Duri Bischoff, 50er-Jahre-Kostüme: Sarah Schittek) den realen Charme des "Lebens"-Raums Wüste vermisst – voilà, hier ist er: in Form von ein paar halb vertrockneten Sukkulenten am Bühnenrand. Wüstenpflanzen zur "Wüstenbuch"-Illustration. Das ist jene Ironie, die Christoph Marthalers Gemeinde so sehr an ihm liebt und für die der Regisseur am Ende des Abends großen Beifall erntet.

Werbung


Das Theater Basel genießt das Privileg der Uraufführung dieser aufwändigen Gemeinschaftsproduktion mit den Berliner Festspielen und den Wiener Festwochen, denn es ist sein Auftragswerk an das eingespielte Team Furrer/Marthaler. Für die – nur – drei Abende wurde eigens das Musicaltheater Basel angemietet und mit einer steilen Zuschauerrampe versehen, auf dass sich eine Art Vogelperspektive schon ganz nah an der Bühnenrampe eröffnen kann. Eingepfercht auf dieser wie in einer Hamsterbox, ist man hin- und hergerissen von den ganz unterschiedlichen Momenten der Suggestion oder Nicht-Suggestion. Da ist Beat Furrers Musik in ihrer mitunter großen Eindringlichkeit. Ihre – Furrer-typische – kurzatmige, wiederkehrende Motivik versieht der Komponist oft mit einer kraftvollen Unirhythmik, nicht selten flankiert von nervösem, hohem Flirren und Zirpen der Violinen und des obligaten Akkordeons. Die Wüste lebt? Sie tut es unter der umsichtigen Leitung des Komponisten und in der versierten Interpretation des Ensembles Klangforum Wien mit der Kraft einer schattenhaften Musiksprache, die sich im Laufe des Abends immer mehr zu verflüchtigen scheint und die sich mit dem aus den Texten durchschimmernden Thanatos teilweise kongenial vereint.

Wenn nur mehr von solchem Todestrieb zu verstehen wäre. Das größte Defizit dieses Musiktheaters ist seine latente Textunverständlichkeit. Und selbst wenn die Vokalisen – solistisch oder chorisch – durch die ganz exzellenten Solistes XXI oft so einfangen, dass die Semantik des Textes zweitrangig erscheint, fragt man sich doch: Wo zu all der Aufwand? Wozu die Collage teilweise großartiger Texte, wenn Deutlichkeit zum Phantom der Oper geworden zu sein scheint?

Auch im Hinblick auf das, was man zu sehen bekommt. Mit Christoph Marthalers Regiesprache ist es wie mit einem ganz alten Bekannten: Man freut sich, wenn man ihn sieht. Aber man kann sich nicht mehr von ihm inspirieren oder gar überraschen lassen, weil man jede seiner Handlungen und Bewegungen kennt. Manchmal gebiert diese Routine noch Augenblicke des Schmunzelns, wenn Marthaler etwa in all das Bedeutungsschwangere Ueli Jäggi anspielungsreich sagen lässt: "Morgen kommt Ingeborg. Hoffentlich kann ich trotzdem arbeiten." Und in ganz seltenen Momenten vermag sie einer Ergriffenheit Platz zu machen, wenn die Darsteller vom Eintritt des imaginären Todes kollektiv ergriffen werden und vor ihm zurückweichen. Aber das sind Augenblicke inmitten einer Wüste von "Wegerfahrung", von simultan inszenierten unterschiedlichen Gesten, auf die der Regisseur sein Copyright hat...

Die abschließende Frage sei deshalb erlaubt: Sind die Tonsetzer und Regisseure der Gegenwart wirklich so weit von dieser entfernt, dass sie sich grüblerisch hinter Kryptik, Mystik, Larmoyanz, Regietheaterroutine – und damit letztlich vor der Gesellschaft und Realität – verstecken müssen? Die Moderne? Sie war einmal, bei Mozart und all den anderen, die in ihrer Zeit das vertonten, was sie erlebten.
–  Weitere Aufführungen: In Basel, heute 20 Uhr. In Berlin: 26.–28. März (Schaubühne am Lehniner Platz).

Autor: Alexander Dick