Premiere

Musical unter Sternen: "Anatevka" eröffnet Breisacher Festspiele

klz

Von klz

So, 14. Juni 2009 um 17:39 Uhr

Theater

Zum Auftakt der Breisacher Festspiele inszenierte Jesse Coston das Musical "Anatevka". Jene tragikomische Geschichte um den Milchmann Tevje, der so gern mal reich wäre. Das aktuelle Ergebnis ist ein sehr vergnüglicher Openair-Abend auf dem Breisacher Schlossberg.

Nun hat sich das hoch engagierte Laien-Ensemble der Breisacher Festspiele selbst übertroffen: Ob in Sachen Schauspiel, Tanz oder Gesang – gelungen und auf beeindruckend hohem Niveau brachten die rund 30 Akteure das Musical "Anatevka" auf die romantische Schlossberg-Freiluftbühne (Regie: Jesse Coston). Dabei hat man sich in Sachen Musical schon öfter versucht: keine leichte Übung für Feierabend-Schauspieler, auch wenn sie professionelles Gesangstraining bekommen.

Doch beim mehrmals preisgekrönten und verfilmten Broadway-Stoff "Fiddler on the Roof" (Buch: Joseph Stein nach der Geschichte "Tevje, der Milchmann" von Sholem Aleichem, Uraufführung 1964, New York) stimmt alles: eine so unterhaltsame wie berührende Geschichte mit Tiefgang, aufgelockert von Songs wie "Wenn ich einmal reich wär’" (Jerry Bock) zu exquisit gespielter Live-Musik zwischen Klezmer und russischer Folklore (Leitung: Natalie Damm). Dass Coston es schafft, seine Spieler nicht nur zu Hochleistungen zu motivieren, sondern auch auf Pathos und Betroffenheitsgestus zu verzichten, ist doppelt schön. Feiert doch das fünftgrößte Amateurtheater Baden-Württembergs mit "Anatevka" seinen 85. Geburtstag.

Von Idylle ist im ukrainischen Dörfchen Anatevka um 1905 keine Spur: Auf grauem Bühnenhintergrund voller Mondkrater sind nichts als zwei windschiefe Hütten in Baba Jaga-Manier gepinselt (Bühnenbild: Stephanie Breidenstein). Davor Lattenzaun, verbeulte Milchkannen und Holzkarre – so sieht ländliche Armut aus. Aber welch ein lebendiger Reichtum bei seinen jüdischen Bewohnern! Milchmann Tevje (facettenreich: Frank Ganz) ist nicht nur Ehemann der temperamentvollen und bärbeißigen Golde (energiestrotzend: Andrea Löwl) und stolzer Vater von fünf heiratsfähigen Töchtern, sondern auch ein warmherziges Schlitzohr in ständigem Disput mit dem lieben Gott.

Letzterer hält für die traditionsbewusste Familie einiges an Herausforderungen bereit: Verzichten die Töchter Zeitel (Simone Engist), Hodel (Bianca Bürgin) und Chava (Alexandra Laurenat) doch ganz im Stil einer neuen Zeit auf die Dienste der Heiratsvermittlerin und wählen sich ohne Papas Erlaubnis ihre Männer selbst (Carsten Däntjer, Jürgen Röttele, Valentin Oswald). Voll augenzwinkerndem Humor entspinnt sich diese Handlungsebene und zeigt viel jüdische Kultur: Trotz Sabbat-Feier, Rabbi, Schläfenlocken und viel weißem Leinen (Kostüme: Jesse Coston) wird der Patriarch doch nach und nach entmachtet – und wächst aus Liebe über seine Prinzipien hinaus. Nur bei Chava bleibt er hart – heiratet die doch heimlich einen Andersgläubigen und riskiert so den Untergang der eigenen Kultur.

Gefahr droht von ganz anderer Seite: Wie ein Damoklesschwert schweben die ersten Pogrome über der jüdischen Gemeinschaft, am Ende müssen sie alle binnen drei Tagen ihre Heimat verlassen, nur mit ein paar Habseligkeiten, versprengt für immer von Jerusalem bis Amerika . . . Dass diese Leiden zwar immer spür- und sichtbar sind, sich aber dank farbenfroher Einzelcharaktere die Waage halten mit Gottvertrauen und Lebensfreude, das macht die spannungsreiche Qualität der Inszenierung aus. Hier sprüht alles Präsenz: fantastisch, die polyphonen Gesänge, die ausdrucksstarken Tänze zwischen Tradition und Moderne (Choreografie: Vera Stöckle), die schlagfertigen Dialoge und turbulenten Gruppenszenen. Bei allem auch ein eindrückliches Plädoyer gegen Diskriminierung und Fremdenhass. Was kann man von einem Theaterabend unter Sternen mehr verlangen?

  • Weitere Aufführungen: 20., 27. Juni, 4., 5., 11., 12., 18., 19., 25., 26. Juli, 15., 16., 22., 23., 29., 30. August, 5., 6. und 12. September, jeweils um 20 Uhr. Info: BZ-Kartenservice Tel. 01805/556656.