Nachhaltig weltverbessernd

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mo, 13. Januar 2014

Theater

Das Kreativkonglomerat spielt Felicia Zellers "X-Freunde" im Freiburger Theater am Martinstor.

"Ssssorriii!" Ja, sie entschuldigen sich permanent. Dafür, dass sie so leben, wie sie leben. Sie empfinden ihr Dasein als puren Stress, als Hölle gar, das formulieren sie auch – doch gleichzeitig müssen sie es verteidigen, um sich selbst zu verteidigen. Sie, das sind in Felicia Zellers Theaterstück "X-Freunde", das das freie Ensemble Kreativkonglomerat jetzt auf die Bühne des Freiburger Theaters am Martinstor gebracht hat: Anne, Marketingfachfrau, ihr Mann Holger, arbeitsloser Koch, und ihr Freund Peter, Künstler. Alle drei sind jung, gehören der "Generation Beißschiene" an, und alle drei sind süchtig. Süchtig nach ihrem Smartphone, nach ihren Netzwerken, nach ihren Terminen, ihren Anforderungen und der Anerkennung, die sie sich und anderen nur gönnen, wenn sie funktionieren, das heißt, wenn sie rund um die Uhr arbeiten.

Die Dramatikerin Zeller, 1970 in Stuttgart geboren, ist für ihre Stücke bereits mehrfach ausgezeichnet worden. "Kaspar Häuser Meer", am Theater Freiburg uraufgeführt, erhielt 2008 den Publikumspreis des Müllheimer Dramatikerpreises, Theater heute ernannte "X-Freunde" zum Stück des Jahres 2013. Die Autorin hat nicht nur etwas zu sagen, sie sagt es auch in einer sehr bemerkenswerten Sprache: Formelhaft kommen die Sätze aus Annemarie Wilhelmis, Christian Drükes und Philipp Nägeles Mündern. Selten sind die Sätze vollständig, was häufig sehr komisch wirkt – aber manchmal auch beklemmend. Hohl klingen viele Phrasen, sinnfrei – doch auch so vertraut aus der eigenen Welt, die sich nicht auf der Theaterbühne abspielt.

Was macht die Abhängigkeit der Menschen von ihrer Arbeit mit ihren Beziehungen? Das ist wohl die zentrale Frage in dieser präzise beobachteten, präzise gespielten Geschichte, die zwischen Komödie, Satire und Groteske einzuordnen ist. Anne und Holger lieben sich – das machen kleine Gesten auf der Bühne (Matthias Büttner), die mit einer weißen Couch und einem Kleiderständer bestückt ist, deutlich. Holger ist froh, dass Anne ihren stressigen Angestelltenjob endlich gekündigt hat und sich mit "Private Aid" selbstständig macht: eine Agentur für nachhaltige Weltverbesserung. Doch ihr Leben verbessert sich dadurch nicht – und die "zwei Bestimmer, die füreinander bestimmt waren" entfernen sich emotional immer weiter voneinander. Peter, der Freund, hat keine Beziehung; er wäre wohl dazu auch nicht fähig. Seine Gedanken drehen sich ausnahmslos um sein Projekt: Die Skulpturenserie "X-Freunde"; nicht einmal ein Telefonat mit seiner Kuratorin bekommt er hin.

Die drei Schauspieler agieren unter der Regie von Kathrin Schmider souverän und textsicher. Spannend ist das Tempo dieser Inszenierung, das von atemlos bis, in wenigen Szenen, fast zeitlupenmäßig reicht. Letzteres auszuhalten, ist eine Prüfung für die Zuschauer und ein kluger Trick von Schmider, denn es zeigt, wie nervös wir Hamsterradrenner werden, wenn das Tempo einmal gedrosselt wird. Viel Applaus für eine tolle Ensembleleistung.
– Weitere Termine: 18./19. Januar, jeweils 20 Uhr, Theater am Martinstor. Karten unter Tel. 0151/25717126.