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18. April 2011

Oper

"Otello" in Freiburg: Der Mohr, der immer schwärzer wird

Ein starker Opernabend in Freiburg: Verdis „Otello“, inszeniert von Eva-Maria Höckmayr.

  1. Otello (Luis Chapa), Desdemona (Christina Vasileva) Foto: MAURICE KORBEL

"Esultate!" Jubelt!, ruft Otello der Masse zu. Der Hochmut der Muselmanen, frohlockt der Statthalter Venedigs auf Zypern, liege auf dem Meeresboden begraben. Einen triumphaleren Auftritt hat kaum ein zweiter Opernheld. 13 Tenortakte, die wirken, als steige ihr Sänger aus der Menge empor, als werde er in die Luft gehoben. 13 Takte Giuseppe Verdis, die sieghaft hervorzuschleudern sind. Jetzt, in Freiburg, gelingt das dem hochaufgeschossenen Mexikaner Luis Chapa aufregend gut. Eine ungewöhnlich helle Otello-Stimme, die gleichwohl die so wichtigen tiefen Lagen souverän beherrscht. Auf jeden Fall: ein Heldentenor reinsten Wassers, einer, der von seiner lyrisch-italienischen Herkunft profitiert, schwindelfrei bis ganz oben, auch einer, der sich in den expressiv genutzten Piano-Bezirken zu bewegen, den Niedergang des Mohren als Singschauspieler zu durchleben versteht. Keine Spur davon, dass er den vorgesehenen Germán Villar ("aus künstlerischen Gründen", wie es heißt) erst im fortgeschrittenen Probenstadium ersetzte.

Sein erster und sein letzter Jubel

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Früher schon war die Bulgarin Christina Vasileva von der Prager Staatsoper für die erkrankte Rossella Ragatzu zum Ensemble gestoßen: ein sehr individuell gefärbter Sopran, der als Otellos Gattin Desdemona nur anfangs zuviel Ton gibt, ansonsten feine Leuchtbögen spannt und nicht erst in ihrer Todesszene bestrickende leise Werte erreicht. Jago, der zu kurz gekommene und neidzerfressene Schweinehund, der seinen Chef Otello nach allen Regeln der Intrigenkunst erledigt – Jago ist bei Juan Orozco an der richtigen Adresse: ein Schrank von einem Kerl, Typ Landsknecht, und dazu der nun schon vertraute klotzige Bariton mit der Befähigung zur gedämpften Hinterhältigkeit, zumal im diabolischen Credo, das Verdis genialer Texter Arrigo Boito zu Shakespeares Dramenvorlage hinzu erfand. Stimmlich ist über den fast unerwartet aufblühenden Tenor Roberto Gionfriddos als Cassio, über Jin Seok Lees Prachtbass als venezianischer Gesandter Lodovico, Sang Hee Kims Emilia bis hin zu Lorenz Minths Montano bestens vorgesorgt. Und Christoph Waltle bekommt als von Desdemona abgewiesener Roderigo sogar eine kleine Tragödie am Rande eingebaut.

Die große Tragödie durchleidet Otello. Er und nicht wie sonst oft sein vermeintlich "interessanterer" Fähnrich Jago steht im Mittelpunkt von Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung. Seine 13 Triumphtakte zu Beginn bedeuten seinen ersten und letzten Jubel. Selbst das mirakulöse Liebesduett ist ja keine Insel im Abwärtsstrudel. "Venga la morte!" (Komme der Tod), sagt er mitten in seiner Glückseligkeit. Von "der unbekannten Zukunft meines Schicksals" orakelt er. Sein Hals steckt längst in einer unsichtbaren Schlinge. Der Finsterling Jago hat sie gelegt, indem er Otello bei der Veranlagung des Schwarzen zum Misstrauen seiner Umgebung, auch seiner unschuldsweißen Frau gegenüber packt. Das zeigt Höckmayrs scharf beobachtende Regie. Sie bringt die perfid-planmäßige psychische wie physische Hinrichtung eines ohnehin gefährdeten Menschen auf den Punkt.

Apropos "schwarz": Otello ist es hier nicht von vornherein. Er wird allmählich geschwärzt, wird mehr und mehr zu dem, den die Gesellschaft in ihm sehen will – schwarz auch im Sinne von Schatten, von finster, unheimlich, bedrohlich. Die Nachtwesen, die ihn umkreisen, immer stärker in seinem Hirn, seinen Albträumen nisten, färben auf ihn ab – die Maare, die auch Todessengel sind. Sie mischen sich irgendwann unter die weißen, die Lichtwesen, die das Bild bis dato beherrschten. Mit der doppelten Desdemona, einer weißen und einer schwarzen, in seinen Augen ihre beiden Seiten, hatte die galoppierende Paranoia in Otello begonnen. Und hatte er nicht kurz zuvor bekannt, er glaube, dass sie treu, und zugleich, dass sie es nicht ist, dass Jago ehrlich und zugleich unredlich ist?

Wesentlichen Anteil an diesem starken Abend hat Nina von Essens Bühne: Bauhaus-Glaskästen, unausgesetzt sich drehend, immer neue Räume schaffend, zum Trinkgelage auch mal eine Art Burghof, in deren Spiegelwänden die Menschen, sind die Vorhänge einmal heruntergerissen, sich selber erkennen – Vereinzelte immer wieder, auf sich Geworfene in einem transparenten Labyrinth, Gefangene voller Wunsch- und Trugvisionen, in einer Welt, die rotierend aus den Fugen gerät.

Klar, dass Generalmusikdirektor Fabrice Bollon und das bis in die heiklen Soli hochpräsente Philharmonische Orchester sich den wilden Sturmbeginn mit dem Glissando aufwärts und dem krachenden Donnerschlag nicht entgehen lassen. Und dass auch Chor und Extrachor, von Bernhard Moncado sorgfältig vorbereitet, die tobenden Elemente famos kommentieren.

Das Schönste an diesem ausdauernd gefeierten Abend ist indes, wie sich Szene und Graben befruchten, wie sich hier tatsächlich Musik-Theater ereignet. Denn: Bollon dirigiert inhaltlich. Man meint, das verderbenbringende Gift der Eifersucht schleichen zu hören. Man wähnt, sich bei Jagos Teufeleien mit dem drastischen Instrumentaltriller vor tönenden Ausgeburten der Hölle ducken zu müssen. Ein wunderbarer, ganz langsam ausgekosteter Verdi-Moment: wie sich ein weher, todtrauriger Zauber über Desdemonas letzte Nacht legt. Doch auch all das Holzbläserfunkeln, -flackern und -blitzen stellt sich ein. Aufs Äußerste gespannt, dicht wirkt diese Wiedergabe. Dafür ist die Liebesszene wie nicht von dieser Welt. Unfassbar dabei, dass in diese vielleicht zarteste Liebesnachtmusik der gesamten Opernliteratur barbarisch hineingeklatscht wurde.
–  Weitere Aufführungen: 24., 28. und 30. April, 12. und 21. Mai, 10. Juni. Karten unter Tel. 0761 / 2012853.

Autor: Heinz W. Koch