Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
01. August 2012 00:02 Uhr
Inszenierung von Irina Brook
Salzburger Festspiele: Peer Gynt rockt
Amerikanisches Showbiz statt Norwegens Fabelwelt: Irina Brook hat auf der Außenspielstätte Perner Insel der Salzburger Festspiele einen internationalen "Peer Gynt" inszeniert.
Sind das schon die neuen Zeiten von Salzburg? Alexander Pereira, Jürgen Flimms Nachfolger, will die Festspiele in der Barockstadt internationalisieren: Mit "Peer Gynt" in der Regie von Irina Brook hat er schon einen ordentlichen Schritt in diese Richtung getan. Denn auf der Außenspielstätte Perner Insel in Hallein wird das Dramatische Gedicht des Norwegers in Englisch (mit deutschen Übertiteln) gegeben. Sam Shepard, der populäre amerikanische Bühnenautor, hat die Vorlage mit zwölf Gedichten angereichert – und Iggy Pop, ein Freund der Familie, hat eigens zwei Songs für Peter Brooks Tochter komponiert: Die Sache verschiebt sich also sehr von der norwegischen Sagenwelt ins amerikanische Showbiz. Und so hat denn auch Ingvar E. Sigurdsson, ein Isländer immerhin, der aber an den jungen Sting erinnert, seinen stärksten Auftritt als Frontman der Band PG and The Trolles. Mit Pops Lied "I’m The Dude" – Ich bin der Geck – rockt Sigurdsson mit seiner ungemein starken physischen Präsenz die Halle. Man hätte nichts dagegen gehabt, wenn "Peer Gynt" als Rockkonzert weitergegangen wäre.
Werbung
Doch so weit ist man noch nicht. Auch wenn Brooks Ibsen-Adaption über weite Strecken mehr an ein Musical als an eine Theateraufführung erinnert, sind wir schließlich doch noch beim europäischen Kanon, den der neue Schauspielintendant Sven Eric Bechtolf (vorher Operndirektor bei Pereira in Zürich) eben erst mit Vehemenz beschworen hat. Deshalb kämpft sich Irina Brook brav dreieinhalb Stunden lang durch die Vorlage: Und wenn man auf der bis zur Brandmauer aufgelassenen, außer ein paar Stühlen und Tischen und einer weißen Spielfläche unmöblierten Bühne die Dramatik vermisst, liegt das auch daran, dass Ibsen sein episches Gedicht erst im Nachhinein für die Bühne bearbeitet hat – und dabei ein nicht einfach zu inszenierendes episodisches Stationendrama geschaffen hat, bei dem neben einer Reise um die Welt noch ein Zeitraum von mehr als 30 Jahren bühnentauglich gemacht werden muss. Mancher Regisseur hat da schon aus Verzweiflung die Zuschauer eine Reise durchs Theatergebäude, backstage inklusive, machen lassen.
Bei Brook ist alles on stage. Die vierzehn Mitglieder ihrer bunt gemischten internationalen Truppe wechseln die Rollen und Kostüme mit affenartiger Geschwindigkeit. Mal sind sie Volksmusiker beim Hochzeitsfest auf dem Lande – bei dem Peer eben mal die Braut klaut –, dann mimen sie das Volk der Trolle, das den jungen Abenteurer, den Aufschneider und Lügengeschichtenerzähler, zu einem der Ihren machen will, später bilden sie eine buddhistische Sekte, die die – dankenswerterweise im Programmheft abgedruckte – "Feuerpredigt" des Erleuchteten ehrfurchtsvoll raunen. Kurz davor hatten sie noch eine Bar in der Wüste von Arizona umlagert, wo die blutjunge verführerische Anitra den alternden Star PG mit "Tiger" erotisch in die Knie gezwungen – und dann verhöhnt hatte. Es war der Tiefpunkt seiner Karriere.
Ja: Bei Irina Brook wird Ibsens sich in ein omnipotentes Wunsch-Ich hinein phantasierender armer Dorfjunge, Sohn eines trinkenden Taugenichts und einer ihn vergötternden Mutter, zum Rockstar PG. Für einen Größenwahnsinnigen keine schlechte Berufswahl. Am Mikro kann man die Sau ordentlich rauslassen – und hinterher, beim Termin mit der internationalen Presse, hingeräkelt auf dem Tigersofa genüsslich den bad guy geben. Hier hat die Inszenierung ein Höchstmaß an plakativem Zugriff auf das Thema "Ich bin ich – und da lasse ich mir von niemandem hineinreden" erreicht. Peer Gynt will er selbst bleiben. Für dieses narzisstische Ziel scheut er vor jeder Bindung zurück, legt dafür die Frauen reihenweise flach ("Auf meinen Ständer kann ich mich verlassen") und jagt wie ein Getriebener durch die Welt. Bei Ibsen wird er als schwerreicher Geschäftsmann von seinen Konkurrenten übers Ohr gehauen und endet vorläufig im Irrenhaus von Kairo, bei Brook stürzt der Star über eine Plagiatsaffäre: Seinen größten Hit hat er bei einem Schwarzen gestohlen, der sich darob aus Verzweiflung umbringt.
Das kann man machen. Das bringt manche karikatureske Einlage, manch hübsche Idee hervor. Doch mit einer durchdachten Inszenierung hat das bunte Spektakel mit einem kruden Musikstilmix aus Rock, Folk, Bigband und – ja doch, den drei unsterblichen Hits aus Edvard Griegs Bühnenmusik nichts zu tun. Dass die Schauspieler mit Mikroports arbeiten, versteht sich bei der Soundkulisse von selbst. Dass sie dabei aber so hilflos bieder und so hemmungslos pathetisch deklamieren, dass man sich fast fremdschämen muss, versteht sich keineswegs. Ingvar E. Sigurdsson hat einen beeindruckend durchtrainierten (Ober)Körper. Die poetischen Töne des geborenen Märchenerzählers stehen ihm aber nicht zu Gebote. So wird aus der berührendsten Szene des Stücks, in der Peer Gynt seiner Mutter den Übergang in den Tod mit einer tollen Geschichte ganz leicht und hell macht, sentimentaler Kitsch.
Überhaupt: Vor Kitsch hat Irina Brook keine Angst. Der ruhelose Wanderer kehrt endlich mittellos in die Heimat zurück, wird Zeuge einer pietistischen Beerdigung, trifft auf den mythischen Knopfgießer, der hier direkt aus "Alice im Wunderland" entlaufen sein könnte, muss erkennen, dass sein Ich nichts anderes ist als eine Zwiebel – "Streif ab die Schalen (…) Löse sie ab (…) Nichts bleibt über" dichtet Sam Shephard – und sucht dann doch verzweifelt einen Zeugen für seine unbesiegbare und unzweifelhafte Peer-Existenz. Hat der Junge etwas gelernt? Es ist zu fürchten: nein. Und dann tritt, nein: schwebt die zarte, feingliedrige Shantala Shivalingappa mit einem schneeweißen Gewand unter ihrem Ebenholzhaar heran. Und alles wird gut. Solveig bettet den müden Kopf des Für-Immer-Geliebten in ihren Schoß. Der Nebel wabert, Engelschöre singen, Erlösung ist da. Es wurde aber auch Zeit. Dass das Publikum getrampelt hat vor Freude, soll nicht verschwiegen werden.
Autor: Bettina Schulte



