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24. Januar 2012

Stehen geblieben in Ruinen

Wagners "Meistersinger von Nürnberg" an der Zürcher Oper.

Vorne die gotische Ruine, um sie herum ein paar Gerüste, im Hintergrund die Silhouette des zerstörten Nürnberg. Das ist die Ausgangssituation. Vorne die gotische Ruine, um sie herum ein paar mehr Gerüste, im Hintergrund die Hochhauskulisse einer wiederaufgebauten Stadt. So sieht’s am Ende aus, auf der Festwiese. Und unwillkürlich denkt man da bei dieser Zürcher Neuinszenierung Harry Kupfers von Wagners "Meistersingern von Nürnberg" an Günter de Bruyns Jugenderinnerungen "Zwischenbilanz": "...im April waren die Trümmer abgefahren, und in die Öde des riesigen, von Ruinen umstandenen Platzes wurde eine Tribüne für die Parteiführung gebaut."

Es bleibt bei den spätgotischen Trümmern. In seinem so oft missverstandenen Schlussmonolog auf die deutschen Meister und ihre Kunst findet Hans Sachs für diese eine Metapher: Tilman Riemenschneiders spätgotische Haßfurter Johannes-der-Täufer-Figur. Mit anderen Worten: Die Utopie der Kunst wird ebenso wie die von der idealen Gesellschaft bruchstückhaft bleiben, von ein paar Vorzeigestücken mit Denkmalcharakter abgesehen. Hoffen lohnt dennoch. Das ist die Botschaft dieser aufwändigen Inszenierung, in der der Regiealtmeister aus Berlin und sein langjähriger Bühnenbildpartner Hans Schavernoch die Drehbühne kräftig strapazieren. Ist’s Altersmilde oder -resignation? Wie schon bei seinen Berliner "Meistersingern" 1998 verzichtet Kupfer auf Reflexionen zur nationalistischen Rezeptionsgeschichte und lässt wieder eine bunte Festwiese zu, unter Einbeziehung eidgenössischer Fastnacht und Folklore. Aber was wir da sehen ist kein Auferstanden aus Ruinen, eher schon ein Stehen geblieben. Und wenn die Regie schon als zeitlichen Ausgangspunkt die frühen 1950er wählt (Kostüme: Yan Tax), dann vielleicht, weil Kupfer die Frage stellen will, ob ein Neustart nach der Stunde Null auch unter anderen, utopischeren Vorzeichen möglich gewesen wäre. Doch da bleibt die Inszenierung in ihren Ansätzen stehen, spielt lieber harmlose Komödie, gleichwohl mit detaillierter Personenregie. Der zwiefache Humor der "Meistersinger" verliert sich im Handwerk, das an den großen Ensemblestellen sogar eher holzschnittartig daher kommt. Vielleicht, damit die Protagonisten umso plastischer herausragen?

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Zum Beispiel der auch blendend spielende Hans Sachs von Michael Volle: ein intellektueller "Schuhgeist", kein polternder Basso profondo, sondern ein kultiviert artikulierender, fein timbrierender dunkler Bariton, ganz in der Tradition Dietrich Fischer-Dieskaus. Das umjubelte Rollendebüt überragt weite Strecken, lediglich die Einteilung der Stimmreserven im letzten Akt wäre verbesserungsfähig. Auch Roberto Saccàs erster Stolzing zeigt, wie diese Partie unter einem aus dem lyrischen Fach kommenden, romanischen Tenor aufblühen kann, zumal bei solcher Textverständlichkeit. Schade nur, dass der Regie zur Künstlerfigur nichts anderes einfällt als ein langer Ledermantel. Auch die Zeichnung der Beckmesser-Figur ergeht sich in Konventionen: Typus Buchhalter oder Oberlehrer, streckt nach seiner Niederlage Sachs die Friedenspfote entgegen, der diese nach einigem Zögern annimmt. Martin Gantner spielt mit Liebe zum Detail und singt ebenso: prägnant, ausgereift, kraftvoll. Leider kann Juliane Banse mit ihrer Eva nun so gar nicht reüssieren. So sympathisch ihre Bühnenpräsenz wirkt, ihr Sopran entwickelt keine Linie. Und mit der Kantilene des Quintetts scheitert sie bei angestrengter Höhe vollends. Wiebke Lehmkuhl dagegen bringt mit ihrem herrlich dunklen, plastischen Alt eine Deutlichkeit in das Stimmprofil der Magdalene, wie man sie selten erlebt. Bemerkenswert der quirlige, leichtgängige Tenor von Peter Sonn als David. Vor Matti Salminen indes bleibt nur tiefe Verbeugung: Was der finnische Bassist mit seinen 66 Jahren an Menschlichkeit und Lebenserfahrung bei noch immer großer Stimmkraft in die Partie des Pogner legt, ist ganz hohe Kunst.

Für diese braucht Daniele Gattis "Meistersinger"-Dirigat wohl noch ein bisschen. Wenngleich in den dramatischen Passagen samt vieler rascher Tempi überzeugend, fehlt es an Linie, Ausgewogenheit und auch Geduld, wie gleich im indifferent musizierten Vorspiel, dem Beginn des zweiten Akts und auch der Prügelfuge. Angesichts der unleugbaren Qualität des Zürcher Opernorchesters und -chors wäre hier, trotz aller Festspiel-Qualitäten, sicher noch mehr drin gewesen. Großer Beifall und am Ende (mit Marcel Reich-Ranicki) die Erkenntnis: Es ist – noch immer – kein Leichtes um das Besingen der deutschen Kunst.
– Weitere Aufführungen: 28. Januar, 3./5./11./14./18. Februar. Karten unter Tel. 0041/44/268 6666

Autor: Alexander Dick