Thema tanzt aus der Tabu-Ecke auf die Showbühne

ros

Von ros

Fr, 31. Mai 2013

Theater

Im Basler Musical Theater gastiert bis Sonntag "Heiße Zeiten", eine ebenso amüsante wie freche Revue über die Wechseljahre.

Doris hat gerade "’ne Welle". Eine Hitzewallung. Na und? Fächelt sie sich eben Luft zu und isst zur Abkühlung genüsslich ein Eis am Stiel. Zusammen mit drei Mitreisenden, die im Flughafen auf den Flieger nach New York warten. Vier Frauen um die 50, ein Thema: die Wechseljahre. Das Thema Klimakterium, das lange in der Tabu-Ecke steckte, bietet jetzt Stoff für ein witziges und schwungvoll gemachtes Musical auf der Bühne des Basler Musical Theaters. Wer die umwerfend amüsante, freche und ironische Revue "Heiße Zeiten" gesehen hat, muss sagen: Es funktioniert. Sogar bestens.

Mit Humor, Charme und Pep, temporeichen Choreografien und pfiffig umgetexteten Pop- und Rocksongs erzählt das Stück die Geschichte von vier Frauen im besten Alter, die sich in der Abflughalle des Flughafens begegnen. Unverblümt reden und singen sie über alles, was Frauen um die 40 und 50 so bewegt: Liebe und Ehe, Kinder und Karriere, die Tücken des Älterwerdens, nie verwirklichte Träume, das Gefangensein in starren Lebensmustern. Ja, selbst wenn von Stützstrümpfen, Slipeinlagen, Harndrang, Hitzewallungen, Schlafstörungen, Orangenhaut und dem hormonellen Auf und Ab in der Menopause die Rede ist, wird das von dem Darstellerinnen-Quartett mit so entwaffnender Selbstironie und erfrischender Offenheit auf die Bühne gebracht, dass das (überwiegend weibliche) Publikum wunderbar mitfühlen und mitlachen kann.

Geschrieben hat dieses Stück über die Wechseljahre übrigens ein Mann: Tilman von Blomberg. Die flotten Songtexte, die so herrlich unverschämt und unverbrämt von Lust, Frust und Alltagssorgen der Generation 50 plus handeln, stammen von Bärbel Arenz. In der Inszenierung von Gerburg Jahnke ("Missfits"), die mit pointiertem Dialogwitz und Situationskomik sehr komödiantisch angelegt ist, erobern die Ladies ihr Publikum im Sturm.

Es fängt schon witzig an, wenn die (männlichen) Musiker der Live-Band als blonde Stewardessen am Check-in-Schalter losfetzen. Dann kommen sie nacheinander durch die Kontrolle: Zuerst Jutta Habicht als gestresste Geschäftsfrau im roten Hosenanzug, tough, cool, abgebrüht. Eine attraktive Mittfünfzigerin, die vom One-Night-Stand mit ihrem "BMW-Ritter" Dietrich schwärmt. Dann erscheint Ines Martinez als vornehme Madame im rosa Kostüm. Hochnäsig, mit pikierter Miene, wahrt sie die Contenance, mokiert sich herablassend über die anderen Passagierinnen. Doch auch die so beherrscht auftretende reiche Dame hat ihre Probleme mit dem Vater im Altersheim und der korrekten Musterehe. Als aufgeregte Hausfrau, die zum allerersten Mal fliegt und ihrem Fritz zu Hause für eine Woche vorgekocht hat, erobert Natascha Petz die Sympathien der Zuschauer(innen) im Nu. So ein Typ wie Marianne Sägebrecht, patent, warmherzig und geradeheraus gibt Petz die mütterliche Doris, die einmal aus ihrem Familienalltag ausbrechen will. Ihrem Mann Fritz muss sie aber per Handy erklären, wie die Spülmaschine und der Herd funktionieren...

Nah am Wasser gebaut, leicht hysterisch, mit Neigung zu Gefühlsausbrüchen, so spielt Susanne Hayo die Jüngste im Frauenquartett. Ungewollt kinderlos, ist sie auf dem Weg zu einer Fruchtbarkeitsklinik, wovon ihr Verlobter nichts weiß. Doch ihr Kinderwunsch ist einfach übermächtig. Die Charaktere dieser grundverschiedenen Frauen sind sehr treffend gezeichnet. Es ist sympathisch, wie sich die Frauen beim Warten auf den verspäteten Flieger langsam näher kommen, und sich als starke Frauen entpuppen, die Lebenskrisen und den neuen Lebensabschnitt couragiert anpacken.

Aber natürlich ist "Heiße Zeiten" kein Problemstück, sondern eine unterhaltsame Show mit witzigen Szenen, poppigen Songs, starken Soloballaden und quirlig aufgedrehten Choreografien, in der es bei aller Komik aber auch nachdenkliche Momente gibt. Mitreißend sind vor allem die vier stimmstarken Darstellerinnen, die sich hemmungslos über Viagra in der Handtasche, Schönheitscreme für die reife Haut, das eingeschlafene Sexleben, Gewichtsprobleme und Kleidergrößen ("Ich mache immer zwei Diäten, von einer werde ich nicht satt...") auslassen. Der Knüller ist die Nummer "Es ist Zombie-Zeit", wenn die Vier die Auswüchse des Schönheitswahns persiflieren.

Die Frauenquote war sehr hoch bei der umjubelten Premiere, doch auch die Männer dürften ihren Spaß haben an dieser Frauenrevue, deren Heldinnen im Schlusssong "Wir heben ab!" das Musical Theater richtig rocken.
– Weitere Aufführungen am 31. Mai und 1. Juni, 19.30 Uhr, sowie 2. Juni, 15 Uhr. http://www.heissezeiten.ch