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04. April 2013

Und der stumme Wagner schaut zu

Das Theater Heidelberg zeigt Wolfgang Rihms 2010 in Salzburg uraufgeführte Oper "Dionysos" in verstörenden Bildern.

  1. Szenen – übereinandergelagert: „Dionysos“ in Heidelberg Foto: Merdes

Auf dem alten Pianino in der Ecke liegt eine Büste. Richard Wagner ist’s, achtlos umgekippt. Später, nach der Pause, ist das Klavier ein wenig zentraler, mittig rechts positioniert. Richard in Gips steht nunmehr aufrecht, ihn ziert eine Panflöte, passend zur irritierenden Naturpoesie in Wolfgang Rihms "Wanderer"-Lied. Noch später, wenn wir’s richtig erspäht haben, ist auch die Panflöte hinfort – Wagner solitär thront auf dem Instrument. Eine ironische Fußnote zu Friedrich Nietzsches "Ich bin die Wahrheit", formuliert in den so genannten Dionysos-Dithyramben, jenem Gedichtzyklus, den der Philosoph kurz vor seiner geistigen Verdunklung formulierte? Zu einer Zeit also, da der einstige Wagner-Bewunderer Nietzsche zum Wagner-Hasser mutiert war.

Vielleicht. Vieles ist möglich an Interpretationen zu Ingo Kerkhofs Regie von Wolfgang Rihms Opernfantasie "Dionysos", die der Karlsruher Komponist auf eben diese ultimative Lyrik des Philosophen verfasst hat. Das macht den Abend am Theater Heidelberg einerseits so spannend und andererseits auch so schwierig, weil hier ein Stück, das sich ohnedies dem Postulat der Handlung entzieht, weitere Chiffren erhält. Nichts ist unmöglich, alles denkbar, aber auch gleichzeitig schwer nachvollziehbar.

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Für die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 2010 – koproduziert mit den Opernhäusern in Berlin und Amsterdam – hatte Regisseur Pierre Audi noch eher eine realistische Lesart des vieraktigen Werks besorgt. Jetzt, bei der Zweitinterpretation, werden die szenischen Vorgaben "See" oder "Gebirge" Makulatur. Anne Neuser hat einen Einheitsbühnenraum geschaffen mit schräg versetzten, glatten Betonwänden, die zur Hinterbühne von einer Art Bühnenportal unterbrochen werden; ganz hinten eine Tür mit klassischen Strukturen. Nicht die einzige Anspielung auf Topoi abendländischer Kulturgeschichte. Da ist zum Beispiel die lange Tafel, an der N., die namenlose Hauptfigur des Werks, von schwarzverschleierten Frauen (Kostüme: Inge Medert) umgeben ist, wie Christus von den Jüngern beim Abendmahl. Die Anspielung auf Nietzsches vehemente Kritik an der christlichen Erlösungslehre ist allzu deutlich. Und der stumme Wagner, der, den der Dichterphilosoph ob seines "Parsifal" des "Kniefalls vor dem Kreuz" bezichtigt hatte, schaut zu? Wieder eine von vielen Rätseln dieser Inszenierung.

Zweifelsohne fesseln Kerkhofs Bilder, seine beziehungsreiche, detailscharfe Kunst der Personenführung. Doch in ihrer allzu artifiziellen, eigennützigen Bildsprache, in der auch übereinander gelagerte Videoprojektionen (Philipp Ludwig Stangl) nicht fehlen dürfen, setzt sich die Regie auch dem Generalvorwurf postmoderner Beliebigkeit aus. "Gedanke! Verhüllter!" heißt es einmal im Text: Als wär’s ein Leitmotiv dieser Produktion, bei der es einem, zugegeben, nicht langweilig wird, der eine magische Wirkung schon ihrer verstörenden Ikonographie wegen nicht abgesprochen werden kann.

Zumal im Kontext mit der Musik. Gerade dort, wo Wolfgang Rihms Partitur in geradezu dreidimensionaler Opulenz schwelgt, ergänzen sich Bild und Ton aufs Feinste. Zum Beispiel bei der schwülstigen Valse macabre, die Rihm in der Tradition Alban Bergs, als die so genannte Bordellszene konstituierend einsetzt: eine fesselnde, sich tief einbohrende Musik, fern jeder Abstraktion der Neuen Musik, dafür umso klangsatter, praller, lustvoller. Rihm ist ein Homme de théâtre, einer der die große europäische Operngeschichte durchzudeklinieren weiß, ohne sich nur dem Ruch des Plagiats auszusetzen. Trotzdem begreift man sie mühelos, die Anspielungen, gerade auf – wen sonst bei Nietzsche? – Wagner: Rheintöchter, Alberich, Anti-Blumenmädchen. Und dann wieder eine zwingende Dominanz des Perkussiven, etwa gen Ende, wenn über den gesamten Saal verteilte Trommeln Nietzsches persönliche Katastrophe symbolisieren.

Yordan Kamdzhalov dirigiert das alles mit einer Um- und Übersicht, die verblüfft. Die Exaktheit des Musizierens beim Philharmonischen Orchester Heidelberg, von ein wenig Gegrummel bei den tiefen Streichern abgesehen, ist bemerkenswert, und der Heidelberger Generalmusikdirektor lässt die Musiker bewusst schwelgen in dieser sinnlichen, vollkommen unakademischen Musik. Sharleen Joynt erfüllt die mit himmlischen Höhen und höllischen Intervallsprüngen nur so gespickte Partie der "Ariadne" bzw. des ersten Soprans mit mustergültiger Reinheit und Intonationsschärfe. Und Holger Frank als N. zeigt große erzählerische Qualitäten: ein lyrischer Bariton von höchstem Gestaltungsreichtum. Auch die übrigen Solistenpartien sind tadellos besetzt; und dem von Jan Schweiger einstudierten Chor gebührt das Prädikat: makellos.
– Nächste Aufführungen am 11. und 19. April. http://www.theaterheidelberg.de

Autor: Alexander Dick