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03. Februar 2012
Ungewohnt frisches Alter
Das Neue Theater Riga zeigt in der Kaserne Basel die weithin beachtete Produktion "Long Life".
Das Stück beginnt hinter der Bühne. Der Weg zur Zuschauertribüne führt durch die Kulisse, durch einen schmalen, runtergekommenen Flur, die Wände fleckig, die Türen abgegriffen. Es riecht muffig und moderig. In diesem Aroma aus Verfall und Verrottung verortet Alvis Hermanis "Long Life". Die quasi stumm gespielte Geschichte aus dem Alltag einer Seniorenwohngemeinschaft, die Anleihen nimmt am Leben in öffentlichen Wohnungen in Riga während der postsozialistischen Wendezeit, brachte den Stern des lettischen Regisseurs und des Neuen Theaters Riga 2004/05 am europäischen Theaterhimmel zum Strahlen. Nun zeigt das Ensemble die Miniaturen, die dank der nonverbalen Struktur überall funktionieren, in der Reithalle der Kaserne Basel.
Die Bühne wirkt wie eine auf dem Sperrmüll zusammengesammelte Puppenstube, rechts die Küche, links das Bad mit Klo, dazwischen drei Zimmer, vollgestopfte Gerümpelkammern, die Notwendiges und kitschige Erinnerungsstücke an ein (vielleicht besseres) früheres Leben bergen. Bevölkert wird dieses zwischen Müllmuseum und Bruchbude angesiedelte Szenario von fünf nicht weniger gebrechlichen alten Menschen. "Long Life" beschreibt in parallelen und simultan nebeneinander montierten Sequenzen einen Tag im Leben dieser unfreiwilligen Zweck-WG – vom Aufwachen und Aufstehen am Morgen bis zum abendlichen Fernsehkonsum und dem Zubettgehen.
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Dieser Tag beginnt am Morgen mit Hüsteln und Röcheln, Keuchen und Räuspern im Bett. Doch schon die Bewegung von der Horizontale in die Senkrechte gerät zum Kampf mit dem Verschleiß und den Gebrechen. Alter oder Krankheit machen selbst das Anlegen eines Kleidungsstücks zum Geduldsspiel und so wird schon das Aufstehen zur Herausforderung. In dem Muster geht’s weiter: "Long Life" reiht beklemmende Szenen der Mühsal und des Jammers des Altseins aneinander; zugleich aber verbindet die Inszenierung dieses Plagen mit Impressionen einer Armut, die inzwischen auch in entwickelten Sozialstaaten wie Deutschland für viele zum Alter dazugehören.
Die Protagonisten bemühen sich zwar redlich und verzweifelt, gegen den Strom ihrer ablaufenden Lebenszeit zu schwimmen. Doch alle Versuche, dem Leben noch Sinn zu geben, scheitern oder enden als groteske Farce: Sei es der Anlauf zum Renovieren der heruntergekommenen Umgebung, der zu bizarren Verrenkungen gerät und den immer wieder Scheiternden letztlich zu wütendem Heimwerken treibt; sei es der Versuch zum Ausflug zum Gärtnern mit Harke und Schäufelchen, die säuberlich in Zeitungspapier eingewickelt werden; doch auch dieser Versuch, Luft jenseits der miefigen Altersheimatmosphäre zu schnuppern, bleibt in den Ansätzen stecken: Ist endlich alles parat und die Mäntel am Leib, ist zumindest Konrad wieder erschöpft, versackt in seinem Sessel und schnarcht mit offenem Mund. Es bleibt ein Leben in einer hermetischen Gemeinschaft, eine letzte Station ohne Flucht- und Auswege.
Dennoch ist Hermanis weit entfernt, seine Figuren als eindimensionale Altersmelancholiker zu zeichnen, die dem Tod entgegenvegetieren. Die Alten sind zwar derb zueinander, aber doch auch fürsorglich, mitunter rührend besorgt und irgendwo hat jeder noch eine Leidenschaft bewahrt: Der eine schneidert, der andere züchtet Pflanzen und hütet ein altes E-Piano. Damit lockt er auch die Nachbarin in seine Kammer und beim paradiesisch-verführerischen Apfel nähern sie sich an, entdecken spielerisch die Potenziale des Mikrofons, das tönt, sobald es in ein Gefäß gehalten wird; fast enthusiastisch ob dieser Entdeckung suchen sie immer neue Tonquellen, singen ein Lied, in das sie zögernd einstimmt: zwei dürre, brüchige Stimmen und doch eine Szene voll sanfter Zärtlichkeit – bewegendes Alter.
Der Mittvierziger aus Riga inszeniert inzwischen auch an großen Theatern im deutschsprachigen Raum (und darüber hinaus). Wer "Long Life" sieht, versteht das: Selten wohl war Alter in den vergangenen Jahren frischer, aber selten auch realistischer, unverbrämter auf der Bühne zu sehen. Ein sehenswerter Bilderbogen zum Alter und der Armut, voll witziger Details, skurrilem Humor und mit meisterhaften Schauspiel. Denn die fünf Darsteller sind allesamt jung und haben jedes Zittern, jedes Humpeln, jede hüftsteife Bewegung und das Mienenspiel einstudiert.
– Kaserne Basel, noch heute, Freitag, 3. Februar, 20 Uhr.
Autor: Michael Baas
