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28. Januar 2012
Unter der Erde, unter der Haut
Anna Röthlisberger und Ayala Frenkel in "Vents souterrains" im Birsfelder Roxy.
Von Tanz im eigentlichen Sinne ist nicht oft die Rede im experimentierfreudigen Birsfelder Theater Roxy. Das gilt einmal mehr für die "Vents souterrains" (Unterirdische Winde) genannte Komposition für zwei Tänzerinnen und einen Musiker, die eben Premiere feierte und vom Publikum nicht weniger Konzentration fordert als von den Ausführenden. Die Basler Choreografin Anna Röthlisberger lässt sich darin zusammen mit ihrer Bühnenpartnerin Ayala Frenkel aus Tel Aviv auf eine Art inneren Dialog zweier Körper ein. Es geht um Bewegungen, die unter der Haut stattfinden, um Emotion, um Nervenimpulse und Gesteuertsein.
Mit seiner live eingespielten, teils improvisierten und geloopten Musik trägt der Berner Gitarrist Marc Rossier vom Bühnenrand maßgeblich mit zu dem bei, was auf der Bühne geschieht. Sphärische Klänge werden zu sphärischen Bewegungen. Die Frauen, die eingangs Position auf zwei versetzt einander gegenüber stehenden Stühlen beziehen, betreten in der Folge jede für sich die karge, von einer hellen Folie überzogene Bühne. Seitlich gibt es einen kleinen Wald aus herabhängenden Glühbirnen, der eine eigene Rolle spielen wird, vorne liegt ein vereinzeltes Stück Blumenwiese aus Plastik (Lichtdesign und Raumgestaltung: Brigitte Dubach). Anna Röthlisberger geht es, so ihr Credo, um prozessorientierte Choreographie, in der ein bestehendes Konzept, eine Idee, ein jeweils eigenständiges improvisatorisches Suchen in Gang setzen soll. Sie arbeitet mit häufig wechselnden Besetzungen, wobei die aktuelle Zusammenarbeit auf einen Besuch in Israel zurückgeht, der die Schweizerin mit der Batsheva Dance Company Ohad Naharins und dort mit Ayala Frenkel zusammengebracht hat. Die Begegnung zweier menschlicher Körper ist deshalb diesmal auch eine Grenzen und Kulturen überschreitende.
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Folgt in diesem Umfeld eingangs noch jede Bewegung sehr langsam auf die nächste und bezieht sich bühnenseits jeder erst nur auf den eigenen Körper, dann gewinnt mit dem Tempo der Agierenden auch ihr bewegtes Zwiegespräch mehr und mehr an Bedeutung. Aus ersten eher zufälligen Berührungen, die in jeder x-beliebigen Menge vorkommen könnten, erwächst Interaktion und mit ihr immer mehr Nähe. Die beiden Tänzerinnen klammern sich aneinander fest, verwickeln und verzahnen sich, bilden spinnenhafte Skulpturen, die unter- und übereinander entstehen und sich wieder auflösen.
Jeder scheint dabei jeden zu leiten, Musik und Licht die Körper der Tanzenden und umgekehrt. Gegen Ende ist nur noch die helle Rückwand beleuchtet, vor der sich die Figuren auf der Bühne wie im Negativ abheben. Sie haben sich wieder auseinander getanzt. Eine Figur bewegt sich nach vorne strebend auf der Stelle, die zweite scheint sie einholen zu wollen, fällt aber immer neu zurück. Bevor eine Endlosschleife daraus wird, verliert sich alles in tiefe Dunkelheit. Die Bewegungen der beiden Protagonistinnen sind dieselben geblieben. Zu sehen sind sie nicht mehr, aber sie hallen noch nach.
– Weitere Aufführungen: Heute, Sa 28. Januar und Do-Sa 2.-4. Februar, 20 Uhr. Reservierung: Tel. 004179/5771111
Autor: Annette Mahro
