Vom Glücksspiel und der Liebe

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Fr, 30. Juli 2010

Theater

FREILUFTTHEATER II: Susanne Franz inszeniert "Émilie und die Formeln des Glücks" beim Ebneter Kultursommer.

"Er wird sicher gleich kommen! Bereiten Sie sich doch schon mal auf Ihre Rollen vor..." – mit diesen Worten verteilt die Dame mit dem tiefen Dekolleté resolut Textblätter unter den Zuschauern, während ein Akkordeonspieler (Hartmut Saam) für gute Stimmung sorgt. Flugs ist aus dem Premierenpublikum von "Émilie und die Formeln des Glücks" im Gartensaal von Schloss Ebnet eine Schauspieltruppe geworden, die sich die Wartezeit auf den großen Meister Voltaire durch das Geplauder seiner Geliebten Émilie du Châtelet vertreiben lässt. Besser gesagt, seiner Ex-Geliebten – und plaudern ist für deren rasanten Monolog (Buch und Regie: Susanne Franz) das komplett falsche Wort. Denn Simone Rosa Ott gibt die französische Mathematikerin, Physikerin, Philosophin und Aufklärerin (1706– 1749) als Naturgewalt mit umwerfender Energie: Eben dozierte sie noch zwischen ihren Bücherbergen über die Relation von Umlaufbahn und Gravitation, schon stopft sie sich gierig Weintrauben ins Schnattermaul, schimpft deftig über die Männer der Pariser Akademie, schwärmt vom Glücksspiel und der Liebe, um wenig später das Bild ihres untreuen Liebhabers mit zerknüllten Briefen zu bombardieren. Alles an ihr flirrt, pulst und vibriert vor Leidenschaft.

Schauplatz des Geschehens ist Schloss Cirey, in das sich die Pariser Lebefrau mit Voltaire 15 Jahre zuvor zurückgezogen hatte. Hier schreibt, dichtet, experimentiert und schauspielert das intellektuelle Paar drei Tagesreisen von der Hauptstadt entfernt. Kongenial korrespondiert das barocke Herrenhaus von Schloss Ebnet mit dieser Kulisse, der Blick aus Flügelfenstern und Türen bietet zeitlos-ländliche Idylle. Und doch ist schon längst nicht mehr alles Friede, Freude, Eierkuchen: Voltaire ist abgereist, die kampfeslustige Lady mit dem "berühmtesten Busen von Paris" hat es satt nur eine Frau in einer Männerwelt zu sein – und ist zu allem Unglück mit 42 Jahren noch einmal schwanger.

Sie wird im Kindbett sterben, freilich erst, als sie in einem letzten Kraftakt Newtons "Principia" übersetzt hat... Das faszinierende Porträt einer ebenso genialen, wie exzentrischen Frau, das Susanne Franz hier für ihr siebtes Theaterprojekt "Sommerlaune" in ein mitreißendes Solo mit vielen biografischen Vor- und Rückblenden gegossen hat. Im vergangenen Sommer hatte man im Wentzingerhaus schon erfolgreich Lesungen aus Châtelets Werk "Die Rede vom Glück" veranstaltet, jetzt werden Textstellen daraus immer wieder aus dem Off eingelesen und korrespondieren ironisch mit Wunsch und Wirklichkeit. Als fiktiver Dialogpartner fungiert auf der Bühne Hartmut Saam, dessen Musik in Simone Rosa Otts emotionalen Dampfdrucktopf auch mal leise und melancholische Nuancen streut. Das ist gut so, läuft das Stück doch sonst Gefahr, bei allzu hohem Tempo und gleichbleibender Intensität an Spannung zu verlieren.

Wie schillernd diese Émilie du Châtelet hier auf die Bühne kommt, sollte man sich jedenfalls nicht entgehen lassen. – Viel Applaus nicht nur für die Regisseurin und Autorin, sondern auch für eine brillante, schauspielerische Leistung.
– Vorstellungen heute und vom 3. bis 22. August, täglich um 20.15 Uhr im Schloss Ebnet. Keine Vorstellungen am 9., 10., 16. und 17. August.
Karten Tel.  01805/ 55 66 56*
*01805: 0,14 €/Min. aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 €/Min.