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23. April 2013

"Welt, du musst mit mir rechnen!"

Im Theater Freiburg hatte das Jugendprojekt "Weit vom Auge – weit vom Herz" Premiere.

  1. Theater Freiburg: Weit vom Auge - weit vom Herz Foto: promo

Das Lampenfieber vorab war so riesig wie die Bühne, kühlte beim begeisterten Begrüßungsapplaus aber blitzschnell auf optimale Betriebstemperatur herunter: Dieses Wochenende feierte das Freiburger Jugendprojekt "Weit vom Auge – weit vom Herz" im ausverkauften Großen Haus des Theaters Premiere – mit Standing Ovations und jeder Menge wässriger Augen (Projektleitung: Barbara Davids).

Acht junge Muslime aus der Hebelschule, die zusammen mit 16 Tänzerinnen und Tänzer der Freiburger Hip Hop Company "Juvenile Maze" ihre eigenen Gedichte tanzen, dazu viel Musik (Matthias Baumann), Kurztexte und Filmeinspielungen (Baumann/Davids) – die Idee dieser Crossover-Produktion ist ungewöhnlich und wurde vorab für den Kinderrechtepreis "Goldene Göre" nominiert.

Schon die Einstimmung ist stark: Auf den Bühnenhintergrund werden übergroße Porträts der Protagonisten gebeamt, dazu Namen und Herkunftsländer vom Libanon bis Amerika eingesprochen. Dann leuchtet eine Traumlandschaft im Breitbandformat auf und zum ebenso dynamisch wie zarten Synchrontanz zweier Mädchen ertönt ein Gedicht der 18- jährigen Nedmije Emini aus dem Kosovo. Ihre Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Abend: Heimat und Familie, Krieg, Flucht und Neuanfang. Die Suche nach den eigenen Wurzeln, der Versuch, das so früh Erlittene zu verarbeiten. Eine Poesie in einfachen Worten und Strophen-Loops, die berührt.

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Der Tanz schafft die Tiefenwirkung: Schlichtweg fantastisch wie kraftstrotzend, lebendig und doch exakt die jungen Tänzer in anspruchsvollen Gruppenchoreografien über die Bühne wirbeln und dabei unterschiedliche Breakdance-Elemente zu einem pulsierenden Bewegungsteppich weben: Mal leichtfüßig und verspielt wie Flummis, mal als stampfende, kriegerische Einheit, dann wieder weich und nach Innen gekehrt. Immer aber als bestens aufeinander eingespieltes Ganzes. Doppelt beeindruckend: Alle sind mit Leib und Seele dabei, jeder gibt sein Bestes (Choreografie: Maryam Anita Khosravi).

Dabei ist der Stoff so heftig wie authentisch: "Wenn jemand auf kleine Jungen schießt, das kann ich nicht aushalten", beschwört der 17-jährige Serbe Armin Sahinovic in seinem Gedicht "Heimweh", das voller Kriegserfahrungen steckt. "Sie ist ein schlechtes Mädchen" zischt es vielstimmig aus der Gruppe, während die Tochter den Vater fragt, ob Ehre denn alles sei. Überhaupt sind Väter als fernes oder strenges Gegenüber hier ein großes Thema. So führt die Dramaturgie der rund einstündigen Show vom Schmerz über den Aufbruch in die Selbstbestimmung. "Welt, du musst mit mir rechnen!" tönt es kämpferisch, wenig später recken die Protagonisten wie im Kasperletheater ihre Köpfe mit Helmen und Hüten aus dem Vorhang, das Gedicht der Libanesin Ayaat Yassine kommentiert mit Ironie und Protest:"Ich habe was an – und deswegen kann ich nicht arbeiten. Ein Stück Stoff stoppt mein Leben in Deutschland."

Ein mitreißendes Finale gibt es dann mit "Respekt", das die Zuschauer am liebsten gleich noch einmal sehen würden. Ein bisschen muss bei allem Beifallssturm doch gekrittelt werden: Zu abrupt geschnitten reihen sich die Einzelszenen aneinander, manch Umbaupause und Bühnenelement ist schlichtweg unnötig, Übergänge fehlen völlig. Und auch die Musik geigt bisweilen gefährlich an den Rändern des Kitsches entlang. In seiner Gesamtheit aber ist dieser Abend großartig: Ganz nah am Auge, direkt am Herz!

Autor: Marion Klötzer