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06. Februar 2012
Wie Träume zerbrechen
Janne Tellers "Nichts – was im Leben wichtig ist" im Freiburger Theater im Marienbad.
"Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun." Ein bedrohlicher Gedanke, den nicht nur Dreizehnjährige kennen, tötet er in seiner Konsequenz doch jeglichen Lebenssinn. Was Johan, Agnes und die anderen aus der Siebten dieser nihilistischen Haltung ihres Ex-Klassenkameraden Pierre entgegensetzen, erzählt die dänische Autorin Janne Teller in ihrem 2010 auch in Deutschland erschienenen und äußerst kontrovers diskutiertem Jugendroman "Nichts – was im Leben wichtig ist". Jetzt kam das Stück, szenisch bearbeitet von Andreas Erdmann, im Theater im Marienbad als erste Regiearbeit von Ensemblemitglied Nadine Werner auf die Bühne.
Dabei fühlt man sich im Kesselhaus von Anfang an mitten drin in jenem stillgelegten Sägewerk als Schauplatz der Ereignisse: Eng gedrängt auf rohen Holzbänken, wird man Teil der konspirativen Kinder- versammlungen, während die jungen Schauspieler zwischen den Reihen agieren. Der Zuschauerraum geht so fast nahtlos in die Bühne über: auch hier viel Holz und eine Art riesiges Stahlträger-Mikado, das mal als Wippe, Kreuz oder Klettergerüst fungiert. (Bühne: Nadine Werner, Dominik Knapp). Die Statements von Schulabbrecher Pierre tönen immer wieder aus dem Off.
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Wer das Buch kennt, ist dann etwas irritiert, lässt Werner diese wie am Reißbrett konstruierte Parabel um Sinnsuche, Gruppenzwang und Gewalt doch aus der Rückschau erzählen: So treffen die mittlerweile erwachsenen Protagonisten nach fast zwanzig Jahren das erste Mal wieder aufeinander, man ist aufgekratzt und unsicher – Klassentreffen-Atmosphäre eben. Diese Perspektive schafft Distanz und Publikumsberuhigung: Schließlich ist trotz der unglaublichen Ereignisse jenes Sommers aus allen was geworden – doch wie tief das Trauma wirklich sitzt, wird klar, wenn die Kinder von damals sich erinnern .
Dabei schlüpfen die jungen Schauspieler mühelos in wechselnde Rollen: In Sekundenschnelle mutiert man zum albernen Girlie, zum linkischen Brillenträger, zum Großmaul oder Streber und fordert von seinen Mitschülern ein möglichst großes Opfer für den "Berg der Bedeutung". Denn nachdem jener Pierre das Klassenzimmer für immer verlassen hat, tritt die Gruppe den Gegenbeweis an. Was gibt deinem Leben Sinn, woran hängt dein Herz?
Scheinbar harmlos fängt es an: Erst müssen nur die Lieblingssandalen auf das Stahlgerüst, dann der Hamster, der Gebetsteppich und schließlich der tote, kleine Bruder. Ein Kinderspiel, das mehr und mehr eskaliert und von Sophie Eckerle, Dominik Knapp, Sebastian Menges, Alexandra Mitdank, Ives Pancera und Carmen Sobotta im Spagat zwischen kindlicher Experimentierlust und hellsichtiger Boshaftigkeit in lebendige Szenen gegossen wird. Den Transfer zum Zielpublikum schaffen Bildprojektionen von Freiburger Schülern.
So nimmt die Sache Fahrt auf und was eben noch mit Witz und Tempo aufgelockert wurde, wird im letzten Drittel des Stückes blutiger Ernst, der einen schaudern lässt. Vieles steckt da zwischen den Zeilen, wird zum Glück nicht gezeigt, sondern der Fantasie der Zuschauer überlassen. Doch wie bei sich steigernder Gewaltbereitschaft Träume zerbrechen und eine ganze Kindheit auf der Strecke bleibt, das wird mehr und mehr fassbar. Dabei wirken manche Regieideen zu gewollt, zerfasern zum Bilderbogen. Und auch das Hin und Her zwischen Rückschau und Jetztzeit verwirrt trotz Lichtwechsel und strapaziert bisweilen den Spannungsbogen. Packend ist diese Inszenierung aber allemal: für Jugendliche als eindrücklicher Denkanstoß auf der eigenen Sinnsuche, für Erwachsene als dringlicher Appell, sich ihrer vermittelten Werte und verlorenen Ideale bewusst zu werden. Was bleibt, ist also nicht nichts, sondern viel . . .
– Termine im Februar ausverkauft. Am 28., 29. und 30. März, jeweils um 20 Uhr. Ab 12 Jahren. Tel. 0761/31470.
Autor: Marion Klötzer
