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06. Februar 2012

Wogendes Gewässer – wogende Körper

"Das Rheingold" – beinahe ein Tanztheater: Auftakt zu Andreas Kriegenburgs Münchner "Ring".

  1. Inmitten von Körperfluten: die Rheintöchter Foto: dpa

Ein Plätschern. Ein kontinuierliches, seichtes Wasserrieseln, nicht mehr. An-dreas Kriegenburg beginnt sein Münchner "Rheingold" mit einem – im wagnerischen Sinne – Sakrileg. Kein geschlossener Vorhang, sondern ein offene Bühne, lange noch, bevor alle Plätze im ausverkauften Nationaltheater besetzt sind. Darauf, wie bei einem großen Picknick, eine Schar junger Menschen in schneeweißen Gewändern. (Fast) ein Idyll, eine Art Urzustand. Aber Kriegenburg (de)konstruiert Wagners Schöpfungspoem, noch ehe sich dessen Nucleus, das tiefe Es in all seinen Oktaven und alsbald hinzugefügten Quinten und Quarten, entfalten kann. Nicht die Natur steht am Beginn von allem, sondern Homo ludens, der spielende Mensch. Der legt seine Kleider ab, bemalt seine Körper blau und mutiert beim Orchestereinsatz zu einer Spielform der Natur – zum "wogenden Gewässer" (Wagner). Alles im Plural.

Es ist dies, trotz mancher Kritikwürdigkeit im Detail, ein starker Auftakt zu einer der am meisten mit Spannung erwarteten Neukreationen von Wagners Tetralogie der vergangenen Jahre. Denn wie Kriegenburg und seine phänomenale Zürcher Choreographin Zenta Haerter in Wagners elementaren Naturkanon aus einem Moment der totalen – menschlichen – Konstruktion heraus einsteigen, wie sie die ineinander verschmelzenden menschlichen Körper zum kausalen Bestandteil des Mythos werden lassen – das hat eine ungeheure Expressivität. So geht das auch zunächst weiter, aus den menschlichen Wogen des Rheins werden nach dem Raub des Goldes und zu Beginn der zweiten Szene allmählich die Konturen einer "blinkenden Burg mit Zinnen": der "Ring", wenn schon nicht als Tanztheater, so doch als extrem körperliches Drama. Das ist ein überaus ästhetischer Entwurf, dem die Regie freilich auch immer wieder brechtisch-epische Momente gegenüberstellt: die Illusion will stetig in Frage gestellt werden. Kriegenburg selbst nennt solches ein "kollektives Erzählen", möglichst "ohne Ornamentik".

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Aber mit dem Gespür für die theatralischen Momente, fürs Sinnlich-Plastische am Theater, mit dem Wagner in dem ursprünglich als Satyrspiel gedachten "Rheingold" so gar nicht spart. Harald B. Thors Einheitsbühne mit ihren – den Wünschen des Dichterkomponisten entsprechenden – Verwandlungen auf offener Szene bildet hierfür einen absolut kompatiblen, suggestiven Raum. Und auch Andrea Schraads Kostüme in ihrer Mischung aus unspektakulärer, politisch intendierter Gegenwartstheaterästhetik und Lust am zauberhaften Fabulieren tragen nicht unwesentlich zur Kurzweil dieses Abends bei, der auch bei den "Taschenspielertricks" und Verwandlungen in Alberichs Nibelheim zu respektablen, kurzweiligen Ergebnissen gelangt.

Ein durchaus vielversprechender, ebenso beziehungs- wie anspielungsreicher Auftakt zum Münchner Weltendrama ist das, weniger spektakulär als vor allem auch in der detailliert greifenden Personenregie zutiefst menschlich. Gute Voraussetzungen für "vergnügliche Knobelaufgaben", wie sie der Regisseur in einem Rundfunkinterview seinem Publikum gewünscht hat. Nicht ganz so vergnüglich verhält es sich am "Vorabend des Bühnenfestspiels" mit der musikalischen Seite. Am wenigsten daran Schuld trägt das Bayerische Staatsorchester, das seinem Ruf als einer der bedeutendsten Wagner-Klangkörper am "Rheingold"-Uraufführungsort mehr als gerecht wird: mit einem süchtig machenden, ebenso expressiven wie sinnlichen Eintauchen in die Partitur, deren Motivgewebe Kent Nagano in großen sinfonischen Bögen offenlegt, auch wenn es dabei manchmal sehr laut werden kann. Und doch hinterlässt das Dirigat des 2013 scheidenden Generalmusikdirektors einen zwiespältigen Eindruck, zumal im Hinblick auf die Vereinigung von Orchestralem und Vokalem. Da wirkt rhythmisch Vieles ungenau (Riesen-Szenen), da könnte es um die Balance besser bestellt sein. Wie auch – und das ist das größte Defizit des Abends – um die Stimmen. Da bleibt dieses "Rheingold" doch nur durchschnittlich: mit einem blassen, mit dem Volumen der Partie kämpfenden Wotan (Johan Reuter), mit überfordert wirkenden Göttern (Levente Molnár, Thomas Blondelle, Aga Mikolaj) und Riesen (Thorsten Grümbel, Phillip Ens). Konturenschärfer, vor allem in punkto Artikulation, agiert Sophie Koch als Fricka. Johannes Martin Kränzles (für den erkrankten Wolfgang Koch) eingesprungener Alberich setzt mit einer farbigen, plastischen Gestaltung ebenso Akzente wie Catherine Wyn-Rogers als Erda. Den größten Applaus gibt’s für Stefan Margitas lyrischen Loge, dessen extremes Überzeichnen freilich Geschmackssache ist.

Übrigens: Wie der zynische Halbgott im roten Anzug und mit Knaufstock sich von der triumphierenden Götterwelt und den (achtbar harmonierenden) Rheintöchtern (Eri Nakamura, Angela Brower, Okka von der Damerau) distanziert – das ist ein richtig schönes Schlusstableau. Welchem Ende wohl werden sie diesmal zueilen…?
– Weitere Aufführungen am 8. und 12. Februar. Tel. 089/21851920.

Infos und Tickets unter: http://www.staatsoper.de

Autor: Alexander Dick