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17. April 2013

"Es flossen Tränen"

TICKET-INTERVIEW: Die CD "Weit vom Auge – weit vom Herz" wurde vertanzt.

  1. Poesie und HipHop-Tanz vereint Foto: Katharina Davids

  2. Barbara Davids Foto: Pro

Hauptschüler und Migrantinnen muslimischen Glaubens haben Gedichte geschrieben, über Heimat, Krieg, Flucht, Familie, Glaube und Hoffnung. Es entstand die CD "Weit vom Auge – weit vom Herz", die mit dem Literaturpreis "Kinder zum Olymp" ausgezeichnet wurde. Nun bringen die Jugendlichen zusammen mit der HipHop-Company Juvenile Maze ihre Gedichte auf die Bühne. Nadine Zeller hat mit der Projektleiterin Barbara Davids gesprochen.

Ticket: Sie haben bisher Filme mit den Jugendlichen gedreht. Wie kam es zu dem CD-Projekt?
Barbara Davids: Einige ehemalige Schüler der Freiburger HebelSchule kamen auf mich zu und sagten: "Wir wollen einen Film machen." Ich habe gesagt: Leute, Filme hatten wir schon so oft. Lasst uns was Neues probieren. Kommt wir schreiben Gedichte. Die haben mich angestarrt, mit so einem Ausdruck: Jetzt spinnt sie komplett. Dann habe ich denen den "Panther" von Rilke vorgespielt. Ein Roma-Mädchen sagte danach zu mir: Frau Davids, ich wusste gar nicht, dass Sprache so wahr sein kann.

Ticket: Rilke hat sie überzeugt?

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Davids: Ja. Ich habe den Jugendlichen dann Bücher gegeben und gesagt: Jetzt schreibt mal auf, was ihr noch nie jemandem erzählt habt. Das war Mitte 2011. Drei Monate haben sie geschrieben und geschrieben.

Ticket: Um was ging es in den Geschichten?

Davids: Ein Mädchen erzählte, wie sie zusammen mit ihrer Familie aus dem Kosovo in einem Schlauchboot voller Serben, Albaner und Kosovaren geflohen ist. Sie schrieb: Ich weiß noch, ich saß eingeklemmt zwischen den Beinen meines Vaters und eines Serben. Das waren Feinde. Aber beide haben mich festgehalten, damit ich nicht aus dem Boot geschleudert werde. Solche Sachen. Wir haben jedenfalls die Gedichte in Reimform gebracht und haben sie im Tonstudio der Pädagogischen Hochschule eingesprochen. Das war eine sehr emotionale Geschichte. Es flossen viele Tränen.

Ticket: Woher nahmen Sie die Musik?
Davids:
Mathias Baumann vom Tonstudio der PH hat zusammen mit den Jugendlichen die Musik erarbeitet. Davor haben wir noch die Bilder für das CD-Booklet zusammen mit Hilde Bauer gemalt. Nachdem die CDs gepresst waren, gewannen wir damit den Kulturpreis "Kinder zum Olymp".

Ticket: Wie kam es zu dem Tanzprojekt?
Davids: Ich habe gemerkt, dass die Menschen stark reagieren auf unsere CD. Ich dachte: Wir haben die Worte, wir haben die Musik – jetzt fehlt noch die Bewegung. Und da hab ich HipHop-Trainerin Anita Khosravi gefragt, die schon mal ein Gedicht mit HipHop-Tanz ausgedrückt hat. Wenn das jemand kann, dann sie. Sie hat ja diese HipHop-Truppe, Juvenile Maze, die 2011 Vizeeuropameister wurde. Ja, und jetzt haben wir den Salat.

Ticket: Was meinen Sie damit?

Davids: Juvenile Maze ist eine absolute Profitruppe. Die Tänzer mussten richtig ackern, um in die Company zu kommen – unsere Dichterinnen und Dichter nicht. Deshalb knirschte es am Anfang. Muskelkater ist für die Profis keine Ausrede. Vor kurzem hatte eines von unseren Mädchen Sorge, dass sie die Prüfung ihrer Ausbildungsstelle nicht packt. Da meinte eine Tänzerin: Jetzt proben wir erstmal und danach frage ich dich ab. Man merkt, wie das Verständnis füreinander wächst.

Ticket: Hatten die Eltern der Jugendlichen keine Bedenken wegen der häufigen Proben?

Davids: Doch. Aber letztendlich durften alle zum Training kommen. Vor einem halben Jahr haben wir mit drei Trainingseinheiten pro Woche angefangen. Jetzt sind wir bei sieben.

Ticket: Sind sie mit den Choreographien zufrieden?

Davids: Mehr als das. Ich weiß nicht, wo Anita Khosravi das hernimmt, aber sie bringt wirklich die Gefühle, die in den Gedichten sind, auf den Punkt. Ich sitze dann zum siebzehnten Mal in den Proben und fange jedes Mal wieder an zu heulen.

Ticket: Sie sind für den Kinderrechtepreis die Goldene Göre nominiert. Stolz?

Davids: Oh ja. Wer weiß, vielleicht gehen wir ja bald auf Tour,

Termine: Freiburg, "Weit vom Auge – weit vom Herz", Theater, Gr. Haus, Fr, 19. April, 19.30 Uhr, und Sa, 20. April, 18 Uhr; BZ-Kartenservice 0761/4968888

Autor: zena