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12. Oktober 2010

"Es gibt Berge, die besteigt man eben"

BZ-INTERVIEW mit dem Choreografen Heddy Maalem, dessen "Sacre du Printemps" heute die neue Tanzsaison im Burghof eröffnet.

  1. Die Sichuan Dance Company aus dem chinesischen Chengdu tanzt heute Abend Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ im Lörracher Burghof. Foto: BZ

  2. Heddy Maalem Foto: Annette Mahro

Bevor er zum Tanz kam, hat sich Heddy Maalem als Boxer und im japanischen Kampfsport Aikido ausbilden lassen. Seit 20 Jahren beschreitet er als Choreograph aber neue Wege im Modern Dance. Mit Tänzern und Ensembles aus aller Welt erarbeitet auf deren nationale Identitäten zugeschnittene Bühnenprojekte. In den Lörracher Burghof kommt der Sohn eines Algeriers und einer Französin jetzt im Basler Festivals Culturescapes, das 2010 China ins Zentrum stellt. Über Strawinskys "Sacre du Printemps" und dessen chinesische Lesart sprach Annette Mahro mit ihm.

BZ: Sie kommen nicht zum ersten Mal nach Lörrach und auch nicht zum ersten Mal mit Strawinsky…
Maalem: Nein, wir waren 2008 schon einmal da mit der ersten Fassung des Sacre du Printemps. 2004 hatte ich einen afrikanischen Sacre für Tänzer unter anderem aus Nigeria und dem Senegal geschrieben, mit dem wir dann durch die ganze Welt gereist sind.

BZ: Diesmal bringen Sie dasselbe Thema mit, interpretiert von einer chinesischen Compagnie. Ist das jetzt etwas ganz Neues?

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Maalem: Dazu muss man die Vorgeschichte kennen, die für mich mit einer Reise im Auftrag des französischen Kultusministeriums nach China begann. Die Sichuan Dance Company aus Chengdu, einer Riesenstadt mit 13 Millionen Einwohnern, ist damals auf mich zugekommen. Mit etwa 60 Tänzern und einem eigenen Symphonieorchester ist die Truppe tatsächlich schon etwas Größeres. Allerdings auch wirklich chinesisch mit einer sehr strengen Regie und immer unter der Aufsicht der Kultusbehörde. Mit einer europäischen Dance Company hat das absolut nichts zu tun. Der dortige Direktor hat mich trotzdem gebeten, nachdem er meinen afrikanischen Sacre gesehen hatte, etwas Ähnliches zu machen und das Ensemble in den zeitgenössischen Tanz einzuführen.

BZ: Sie haben dann bewusst das schon bearbeitete Thema gewählt, zumal das darin zentrale Thema des Werdens und Vergehens ja an keinen Kontinent gebunden ist?
Maalem: Ja und nein. 2009 jährte sich gerade das furchtbare Erdbeben von Sichuan mit 80 000 Toten und wir sollten etwas zu den Erinnerungsfeiern machen. Abgesehen davon, dass gar keine Zeit blieb, etwas vollkommen Neues zu schreiben, passte der Sacre du Printemps natürlich sehr gut. Dem Video, das es schon in der afrikanischen Fassung gab, hat diesmal eine mittlerweile recht bekannte chinesische Künstlerin das Erdbeben und das anschließende Wiederauferstehen Sichuans zugrunde gelegt. Für mich war es dabei zuerst schwierig mir vorzustellen, dass der ganze afrikanische Teil jetzt überhaupt mehr nicht vorkommen sollte, obwohl ich es ja speziell für Afrika geschrieben hatte. Mit den chinesischen Tänzern ist dann aber etwas ganz Eigenes und ich denke sehr Berührendes daraus geworden.

BZ: Strawinskys 1913 uraufgeführtes Jahrhundertwerk ist so etwas wie ein Pflichtprogramm für moderne Choreographen. Weshalb Ihrer Meinung nach?
Maalem: Ich habe mir die Frage im Nachhinein auch gestellt. Zuerst war für mich aber die Liebe zu dieser Musik entscheidend. Natürlich wird man dann erdrückt von den Referenzen, von diesem Topthema der abendländischen Kunst. Es gibt mittlerweile mehr als 300 Versionen, das ist auch schon ein Klischee geworden. Aber es gibt Berge, die besteigt man eben, und am Ende ist man einer von vielen. Einerseits wird man vor dem hohen Anspruch bescheiden, andererseits provoziert das auch fast Hochmut. Man fragt sich, warum eigentlich nicht ich? Ich kann auch den Mount Everest besteigen und vielleicht stürze ich ja nicht ab. Der Sacre ist für jeden Choreographen etwas extrem Herausforderndes.

BZ: Wer ist in ihrer neuen Version das Opfer, oder gibt es überhaupt eines?
Maalem: Mit den Figuren aus dem Libretto spielen wir ein bisschen und übernehmen sie zum Teil. Das Opfer ist aber allumfassend. Strawinskys Musik habe ich eigentlich auch mit Bezug auf Afrika so verstanden. Die Bilder beziehen sich diesmal auf die einerseits sehr schöne Landschaft von Sichuan, andererseits aber auf das Erdbeben und gleichzeitig zeigen sie die fortschreitende darüber hinausgehende Zerstörung ganz Chinas und letztendlich des Planeten.

BZ: Ist das Thema für Sie als Choreograph zentral?
Maalem: Natürlich. Was mich aber auch immer wieder beschäftigt, sind Fragen nach der Identität und der Andersartigkeit. Das scheint mir am wichtigsten. Wie lebt man in einer Welt, die sich ständig durchmischt und in der Fragen nach der Zugehörigkeit immer gewichtiger werden? Der Tanz kann solche Fragen aufgreifen und zur Diskussion stellen, aber natürlich keine Antworten geben.

– Le Sacre du Printemps: Heute, Dienstag, 12. Oktober, 20 Uhr, Burghof Lörrach, Sichuan Modern Dance Company, Choreografie: Heddy Maalem

Autor: ama