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24. März 2010

Vom Nutzen der Reste

VOR DER PREMIERE: Das Kanderner Theater im Hof lädt zum poetischen Gang in der Wolfsschlucht.

  1. Die neue Produktion des Theaters im Hof bringt Menschen, Musik und Pferde auf die Naturbühne. Foto: André Roos

"Man kann nicht weiterkommen, wenn man nicht akzeptiert, dass es das Verwüstete gibt", weiß Dieter Bitterli. Das hat der Theatermacher nicht nur am eigenen Leib erfahren. Diese Erfahrung durchzieht die Weltliteratur – von Dante Alighieri bis in die Gegenwart. Manche scheitern auch an diesen Verwüstungen. Sarah Kane etwa: Die englische Dramatikerin wählte 1999 den Suizid als Ausweg aus ihren inneren Wüsten. Leben aber bedeutet immer auch, diese innere Ödnis und Leere, diese toten Punkte zu überwinden und das heißt aus den Scherben, Resten und Ablagerung, die zurückbleiben, etwas Neues zu destillieren. Hier knüpfen Bitterli und das Riedlinger Theater im Hof mit ihrer neuen in die Kanderner Wolfsschlucht verlegten Produktion "Grauses Wagen der Hingabe – ein Augenblick" an.

Der Titel ist ein Zitat aus Thomas Stearns (T.S.) Eliots Weltgedicht "The Waste Land. Das öde Land". Der US-amerikanische Dichter verarbeitet in diesem 1922 erschienen Schlüsseltext der Moderne eine persönliche Lebens- und Sinnkrise; mitausgelöst wurde diese auch vom zivilisatorischen Schock des 1. Weltkriegs mit seinen martialischen Schlachten und der – nicht nur darüber – zunehmend sichtbarer werdenden zerstörerischen Seite der industriellen Moderne. Eliot verarbeitet diese Erfahrung in einem fulminanten Griff in die Requistenkammern der Literatur- und Philosophiegeschichte, montiert Texte aus verschiedensten Quellen von der Bibel bis zu Wagner. Diese aus bekanntem Material neu komponierte Apokalypse nimmt fraglos eine zentrale Rolle in der Produktion der privaten Initiative um den Theaterprofi Bitterli ein und wird vom Schauspieler Johannes Karl in diese eingespeist.

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Die Wurzeln dieses Projektes in der Naturarena der Wolfsschlucht aber finden sich nicht bei T.S. Eliot. Im Gegenteil: Ausgangspunkt war ein Filmprojekt über die Arbeit des Vogelbacher Künstlers Johannes Beyerle mit Pferden, schildert Dieter Bitterli. Den Kern dieser Begegnung unterschiedlicher Welten, diese Kommunikation von Mensch und Tier, diese "Plastik" (Bitterli) haben die Akteure schichtweise und wie eine Zwiebel um weitere Ringe erweitert. So sei er auf Eliots Text gestoßen und so ergab sich die musikalische Begleitung von Harald Kimmig (Geige); diese fußt wie der Text auf musikalischen Zitaten und Anspielungen – von Richard Wagner bis zum Gassenhauer. Die haben Bitterli & Co in "detektivischer Arbeit" in Eliots Text aufgespürt.

Die Verwertung von Resten, von Überbleibseln, die schöpferische Kreation von Neuem aus Ablagerungen ist der Inszenierung denn auch auf allen Ebenen immanent und spiegelt sich schlussendlich auch im Landschaftsbild: Denn auch die Schlucht symbolisiert Zerbrochenes, das sich zu neuen Formen zusammensetzt. So ergibt sich ein Gesamtkunstwerk mitsamt der Pferde, eine Collage unterschiedlicher Dimensionen, die lose verschiedene Welten (innere und äußere), Landschaften und Sprachen (Musik, Worte, Bewegung) verknüpft. Einen poetischen Gang hat Bitterli das Werk denn auch getauft.

Dieser Gang soll nach den Vorstellungen des Regisseurs anregen zu einem Wechsel der Welten, zum assoziativen Pendeln zwischen bewussten und unbewussten Dimension, Zugänge freilegen in abgelagerten Schichten – und so den Blick für deren Wert öffnen und vielleicht auch ein bisschen ein Appell sein zum Innehalten. Ein Fingerzeig an eine Gesellschaft, die sich nicht nur in materieller Hinsicht aufs Wegwerfen verlegt hat, wo es "üblich ist, Dinge zu tun, die nicht nützlich sind", sagt Bitterli.
–  Aufführungen (bei jedem Wetter): Donnerstag, 25. März, 17 Uhr (Vorpremiere); Samstag 27., 17 Uhr, 30./31. März sowie 3./5. April jeweils 18 Uhr, Reservation 07626/ 972081; die Wolfsschlucht ist in circa sechs Minuten zu Fuß zu erreichen vom Parkplatz am Sportplatz Kandern an der L 134.
–  Ausstellung: voll.blut Zeichnungen und Skulpturen von Johannes Beyerle, Kulturraum Altes Schulhaus Vogelbach, Vernissage, Samstag, 27. März 19.30 Uhr, danach 28. März, 3.,4., 10. und 11. April 17 bis 17 Uhr, 5. April 15 bis 16 Uhr.

Autor: Michael Baas