Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. August 2012 00:02 Uhr

Comeback

Theaterfestival Basel: Ein Prolog vor die Spielzeit

Das Theaterfestival Basel ist zurück. Nach sechs Jahren Pause meldet es sich wieder auf den Bühnen – und das mit einem reichlich mit Vorschusslorbeeren bedachten Programm. Ein Interview

  1. Ausgepackt: Nach sechs Jahren hat Basel wieder ein Theaterfestival. Foto: zvg/Christian Knörr

  2. Carena Schlewitt Foto: Christian Knörr

Was diese kulturpolitische Wiedergeburt des Jahres möglich macht, wie sie in die Kulturlandschaft in und Basel einzuordnen ist und was sie für die Kaserne Basel bedeutet erläutert die künstlerische Leiterin Carena Schlewitt gegenüber BZ-Redakteur Michael Baas.

BZ: Frau Schlewitt, was hat die Wiedergeburt des Festivals möglich gemacht?

Schlewitt: Das hat mit der Stabilisierung der Kaserne zu tun, aber auch damit, dass wir uns gemeinsam mit dem Theater Roxy für das Festival eingesetzt haben und dass die Kulturverwaltungen offene Ohren dafür hatten. Zudem haben wir die Festivallandschaft geprüft, Profile verglichen und eine Chance gesehen.

BZ: Die Region hat bereits ein dichtes Kulturprogramm. Sind Sie sicher, dass diese noch ein Festival verträgt?

Schlewitt: As meinen Beobachtungen aus den den letzten vier Spielzeiten in der Kaserne bin ich zuversichtlich. Unser Publikum wächst stetig und es gibt großes Interesse sowohl an der regionalen und lokalen Basler Szene als auch an internationalen Gastspielen. Bei der letzten Ausgabe der "Tanztage" konnten wir ebenfalls beobachten, dass das Publikum aus der ganzen Region kommt, auch aus Südbaden und dem Elsass. Außerdem haben sich die Kooperationsprojekte mit dem Roxy immer auch positiv für eine gemeinsame Publikumsansprache geeignet. Alle diese Faktoren sprechen dafür: Es gibt einen Bedarf für diese Art von Begegnung.

Werbung


BZ: Sehen Sie das Festival als Fortsetzung des früheren "Welt in Basel" oder setzen Sie konzeptionell neu an?

Schlewitt: Der Ansatz von "Welt in Basel" war im Rückblick unglaublich progressiv. Denn unter dem Titel ging’s ja ursprünglich um Vermittlung von "Welt" an Kinder und Jugendliche mittels Theater. Die kulturelle Bildung, die heute überall groß geschrieben wird, hat insofern eine Wurzel auch in diesem Festival. Natürlich hat sich die Landschaft inzwischen verändert. Aber wir haben wieder einen Vermittlungsschwerpunkt und merken, dass Schulen sehr interessiert sind.

BZ: Zur kulturellen Bildung gehört heute auch das Nachdenken über die digitale Revolution. Ganze Kommunikationsebenen verschwinden dieser Tage in den sozialen Netzwerken. Kann sich die Bühnenkunst in dieser schönen, neuen Welt noch vernünftig positionieren?

Schlewitt: Einerseits ist unser Alltag heute stark von den elektronischen Medien geprägt, andererseits gibt es auch ein wachsendes Interesse an Live-Künsten, weil sie andere Erfahrungen bieten. Die Performing Arts, also Theater und Tanz, haben sich sehr verändert. Sie gehen raus aus den Theatern, entwickeln Stadtprojekte, machen Dokumentarisches Theater, holen Alltagsspezialisten auf die Bühne. Das Theater hat seine Formen so verändert, dass es wieder interessant ist. Gerade solche Entwicklungen spiegelt unser Festival und das eröffnet dem Publikum die Chance zu Aha-Effekten: Aha, das ist jetzt auch Theater.
"Unser Festival eröffnet dem Publikum die Chance

zu Aha-Effekten."
BZ: ... zum Beispiel?

Schlewitt: Das Performancekollektiv Gob Squad holt Kinder und Jugendliche auf die Bühne, Willi Dorner arbeitet mit seiner Performance "above under inbetween" im öffentlichen Raum. Fast jedes Projekt verlinkt sich irgendwie mit anderen Medien und zielt auf eine besondere Form von Wahrnehmung und Kommunikation. Wenn das Publikum das mitbekommt, entsteht sicher auch die Neugier.


BZ:
Klassisches Theater wirkt heute oft museal: Macht das Festival deshalb einen Bogen um traditioneller Gestricktes?

Schlewitt: Wir haben zum Beispiel Jan Klata mit "Ein Stück über Mutter und Vaterland" eingeladen und David Van Reybroucks Monolog "Mission", gespielt von dem brillanten Schauspieler Bruno Vanden Broecke: Beide orientieren sich durchaus am konventionellen Theater.

BZ: Das Theater Basel ist ein Spielort, hat es jenseits dessen noch etwas mit dem Festival zu tun?

Schlewitt: Georges Delnon hat sich sehr für das Festival ausgesprochen, aber er hat auch von Anfang an klar gesagt, dass er dieses an die Kaserne Basel angedockt sieht und selber mit dem Theater gern als Kooperationspartner zur Verfügung steht. Daneben ist ja auch noch das junge Theater Basel als Kooperationspartner beteiligt, worüber wir sehr froh sind.


BZ: Woher stammt das Budget? Zweigen Sie es ab von den kantonalen Subventionen, die Kaserne und Roxy erhalten?

Schlewitt: Das wäre gar nicht möglich. Die Finanzierung läuft über den Festivalverein und der wird mit 750 000 Franken unterstützt von den swisslos-Fonds Basel und Baselland. Dazu kommen weitere Stiftungen und Geldgeber, die aber nicht mehr so einfach zu finden sind in diesen Zeiten. Inklusive Ticketeinnahmen haben wir ein Budget von rund 1,1 Millionen Franken. Die Theater bringen zudem die Infrastruktur ein. Das Festival ist als Prolog vor die Spielzeit vorgeschaltet. So können wir die Häuser einbringen, ohne den regulären Spielbetrieb zu belasten.

BZ: Was bedeutet das Festival für die Kaserne? Ist es der Schlussstein im Bemühen, das Haus neu aufzustellen?

Schlewitt: Auf der einen Seite finde ich es wichtig, dass die Kaserne Basel einen internationalen Schwerpunkt setzt und eine Verdichtung von Programm, wie sie ein Festival mit sich bringt, anbietet. Das schärft die Wahrnehmung auch fürs normale Programm. Insofern ist das ein wesentlicher Baustein und Katalysator für das Jahresprogramm. Wie sich das auf den Dauerbetrieb auswirkt, lässt sich aber erst nach zwei, drei Festivaljahrgängen sagen. Ich finde aber, dass ein Haus mit einem kontinuierlichen Spielbetrieb solche Verdichtungen braucht, um neue Impulse zu erhalten. Aber die Kaserne muss auch noch weitere Schritte tun.

BZ: ... und die wären?

Schlewitt: Ein Problem sind die Proberäume in Basel. Gruppen vor Ort müssen anders arbeiten können, brauchen bessere räumliche Bedingungen. Wir denken zudem über Residenzprogramme und Austauschmöglichkeiten mit internationalen Künstlern nach. Das wäre auf der Prozessachse ein Schritt nach vorne.

BZ: Das heißt aber auch, dass das Festival als langfristiges Projekt angelegt ist und bereits für mehrere Ausgaben gesichert?

Schlewitt: Es ist kein subventioniertes Festival. Wir müssen es alle zwei Jahre wieder beantragen bei den beiden swisslos-Fonds. Aber wir gehen davon aus, dass es weiter geht und das wir auf dem aktuellen Festival aufbauen können.

– Theaterfestival Basel, 29. August bis 9. September.

Das Programm des Festivals unter   http://www.theaterfestival.ch

Zur Person: Carena Schlewitt

Die 50-Jährige studierte an der Humboldt-Universität in Berlin Theaterwissenschaft und arbeitete danach an der Akademie der Künste Ostberlin, am Kunstzentrum Podewil sowie beim Festival Theater der Welt in Berlin. Von 1999 bis 2003 war sie Dramaturgin und stellvertretende künstlerische Leiterin am neu gegründeten Forum Freies Theater bevor sie 2003 als Kuratorin für Theater am Hebbel am Ufer zurück nach Berlin kam. Seit 2008 ist sie künstlerische Leiterin der Kaserne und nun auch des Theaterfestivals Basel.

Autor: Michael Baas