Neuerscheinung

Wie Klarinettist Michael Heitzler zur Klezmer-Musik kam

Reiner Kobe

Von Reiner Kobe

Sa, 11. August 2018 um 16:38 Uhr

Rock & Pop

Der Klarinettist Michael Heitzler hat eine eigene Klezmerband gegründet, deren Debütalbum "Ode Hashem" nun erschienen ist.

Als ihn sein Vater im Alter von sechs Jahren zu einer Bigband-Probe mitnahm, war es um Michael Heitzler (Jahrgang 1966) geschehen. Der Spross des musikbegeisterten Umkircher Heitzler-Clans zeigte sich von der ihm fremden Jazzmusik so begeistert, dass er unbedingt Saxophon lernen wollte. Doch da war der Vater vor, der auf der Klarinette bestand. Mit 13 schließlich konnte sich Michael autodidaktisch dem Saxophon zuwenden. Drei Jahre später wurde er zum Vorstudium an der Musikhochschule Freiburg zu gelassen – mit Klarinette, versteht sich. Professor Dieter Klöcker schickte ihn zur Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung zu seinem damaligen Studenten Matthias Stich, "nicht ahnend", erinnert sich Michael Heitzler, "dass dieser auch Saxophon spielte, was für klassische Klarinettenstudenten eigentlich ein Unding war".

Doch Heitzler entdeckte zunächst die klassische Musik, "lernte sie lieben", wie er zugibt und gelangte an ein Praktikum beim SWR Sinfonieorchester, obwohl er "eigentlich gar nicht in Sinfonieorchestern spielen wollte", wie er später gestand. Nach einem Jahr war das Praktikum beendet und Heitzler lernte durch Vermittlung von Karsten Gorzel, bei dem er angefangen hatte, Saxophon-Stunden zu nehmen, die Gruppe Kolsimcha kennen, die später zu einigem Weltruhm kommen sollte. Er begann, mit der Klezmerband auf jüdischen Hochzeiten in der Schweiz zu spielen. Für den 23-Jährigen war dies ein schöner Nebenverdienst, denn er verdingte sich gleichzeitig in verschiedenen Jazz- und Funk-Gruppen.

In New York entdeckte Heitzler den Klezmer so richtig von der Wurzel her

Dank eines Stipendiums konnte Heitzler in New York studieren, wo er "schon immer hin wollte". An der New School beim bekannten Saxophonisten Dave Liebman schärfte er sein Jazz-Verständnis. Er blieb "im Big Apple hängen", wie er sagt, so dass aus dem geplanten einen Jahr ein ganzes Jahrzehnt wurde und spielte in dieser Zeit mit Jazzgrößen wie John Hollenbeck, Billy Hart, Kevin Hayes und Ron Mclure.

In New York war es dann, dass Heitzler den Klezmer so richtig von der Wurzel her entdeckte, die traditionelle Musik eingewanderter osteuropäischer Juden. Bei den Klezmatics, einer der führenden Bands, sprang er für den sich langsam mehr und mehr selbstständig machenden David Krakauer ein, einem Klarinettisten von elementarer Kraft und Ausdruck. Auch an jüdischen Festen fand Heitzler Gefallen. Er spielte auf orthodoxen Hochzeiten bis zu fünf Stunden am Abend. "Extrem eindrücklich" sei dies gewesen und von "unglaublicher Kraft", sagt er. In dieser Zeit spielte er viele Konzerte mit den Klezmatics in den ganzen USA unter anderem auch eines mit Gaststar Itzhak Perlman für sein Projekt "In the Fiddler’s in House".

Die tief spirituellen Melodien liegen Michael Heitzler sehr am Herzen

Mittlerweile machte der Film "Jenseits der Stille" Kolsimcha, die die Filmmusik beisteuerte, "auf einen Schlag bekannt". Die Band trat auch im Fernsehen auf und tourte weltweit. "Dann musste ich eine Entscheidung treffen", denn Kolsimcha nahm immer mehr von seinem Leben ein, auch musikalisch, denn die Musik, so Heitzler, "wurde immer komplexer, anspruchsvoller und virtuoser, so dass ich mich richtig auf die Klarinette konzentrieren musste". Da er "ohnehin kein Freund von Großstädten" war, wie er feststellte, zog er 2004 nach Basel, wo die Band probte und ihren Sitz hatte.

Trotz reger Tourneetätigkeit durch die halbe Welt, wo er auf verschiedene musikalische Kulturen traf, ließ Heitzler der Klezmer nicht mehr los. Er hatte "schon immer einen Traum, traditionellen Klezmer zu spielen", sagt er im Gespräch. Dass dieser keinesfalls abgestanden, veraltet klingen sollte und "vom Feeling her dem Jazz verpflichtet ist, stellte er eine neue Kapelle zusammen, die mit Klavier und Rhythmusgruppe, die mehr als nur eine begleitende Funktion hat, sondern auch solistisch hervortritt. Mit dabei sind der Pianist Christian Gutfleisch, Michael Chylewski am Kontrabass und Schlagzeuger Daniel Schay.

Das Debüt-Album "Ode Hashem", dessen Titel sich auf einen Psalm von König David bezieht, ist eine Hommage an die großen amerikanischen und osteuropäischen Bands der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und an die religiösen Gesänge der osteuropäischen Chassidim. Die tief spirituellen Melodien liegen Michael Heitzler sehr am Herzen. "Wir möchten die Musik einer verloren gegangenen Welt neu entstehen und wiedererstehen lassen. Es ist mir sehr wichtig, die Kernbotschaft und den inneren Ausdruck der Klezmermusik zu erhalten, gleichzeitig aber durch Arrangement und Instrumentierung dem Ganzen eine sehr eigene, zeitgemäße und persönliche Note zu geben". Dies entspricht Heitzlers weit gefächertem musikalischen Verständnis, bei dem der Jazz einen großen Teil einnimmt.

CD: Michael Heitzlers Klezmerband: Ode Hashem (Neuklang/Inakustik).