Tierquälerei fürs Fotoalbum

Boris Burkhardt

Von Boris Burkhardt

So, 09. September 2018

Kreis Lörrach

Der Sonntag Das Trophäenangeln CATCH & RELEASE ist verboten, aber im Trend – Nun wird angezeigt.

Catch & Release, fangen und freilassen, ist ein Trend in der Angelwelt: Möglichst große Fische sollen aufs Foto, danach landen sie wieder im Wasser. In Deutschland ist das als Tierquälerei verboten. Ein Rheinangler wurde nun angezeigt.

"Da ist er, der Alsterbüffel! Ich musste lange auf meine Chance warten; und er hat gut gekämpft", sagt der Mann Mitte 30 mit Baseballkäppi und hebt einen knapp ein Meter großen Karpfen in die Kamera. Was der Hamburger Angler in seinem Youtube-Video unter dem Stichwort "Karpfenangeln" präsentiert, nennt der Fachmann "Catch & Release" (fangen und wieder freilassen). Nachdem er ihn eine Weile in die Kamera gehalten hat, entlässt der Youtube-Angler den Karpfen auch wieder in den Fluss. Der Angler, den Polizist Uwe Gutjahr am 21. August am Rheinufer bei Breisach erwischte, wird seinen großen Wels nicht auf Youtube präsentieren können: Er wurde von Gutjahr wegen Tierquälerei angezeigt.

Auf den ersten Blick mag es paradox klingen, dass das Freilassen der Fische in Deutschland strafbar ist; aber das Tierschutzgesetz bestimmt, dass Tiere nur "aus einem vernünftigen Grund" gefangen werden dürfen. Beim Fisch bedeutet das, dass er auch gegessen werden muss, falls für ihn keine Schonzeit gilt oder er zu klein für seine Art ist. Den Stress und die Verletzungen, die der Fisch im Kampf mit dem Angler erfährt, nur zum Vergnügen, sieht der deutsche Gesetzgeber als Tierquälerei an.

Für Gutjahr, der im Polizeipräsidium Freiburg auf die Bereiche Gewerbe und Umwelt in der Stadt Freiburg sowie in den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Emmendingen spezialisiert ist, war es das erste Mal, dass er einen Angler beim "Catch & Release" in flagranti erwischte. "Er hat nichts abgestritten: Jeder Angler, der den Angelschein gemacht hat, weiß, dass es verboten ist", sagt Gutjahr. Im Beisein des Polizisten, der in zivil unterwegs war, habe der Täter beim Fang erklärt: "Welse esse ich überhaupt nicht; ich esse nur Zander."

Auf die Anfrage des Sonntag sagt Franz Bühler, Vorsitzender des Angelsportvereins Freiburg: "Jeder muss sich an das Gesetz halten. Wer erwischt wird, ist selbst schuld und kennt die Konsequenzen." Danach zu fragen, sei, "wie jemanden zu fragen, ob er nachts über eine rote Ampel fahre". Diese Aussage will er aber nicht so verstanden wissen, als sei das "Catch & Release" gängige Praxis: "Unsere Angler freuen sich, wenn sie eine Forelle, einen kleinen Karpfen oder eine Schleie in der Pfanne haben; ich persönlich kenne keine Trophäenjäger." Bühler sagt klar: "Es ist nicht richtig, nur um der Trophäe willen zu angeln: Dann stimmt etwas mit dem Angler nicht."

Gutjahr hingegen hat schon viele Trophäenjäger beobachtet: "Leider aber immer auf dem Wasser vom Boot aus." Er selbst sei nur zu Fuß am Ufer unterwegs; Kontrollen auf dem Wasser führe die Wasserschutzpolizei durch. Weil er die verbotene Praxis aber schon so häufig beobachtet habe, habe er die Kontrollen am Rheinufer geplant. Eine Zusammenarbeit mit der Wasserschutzpolizei hat Gutjahr bisher nicht geplant; darauf angesprochen hält er sie aber für denkbar.

Beim "Catch & Release" gehe es dem Angler um den Kick, den Triumph des gewonnen Kampfes, sagt Gutjahr: "Um einen Wels mit bis zu drei Metern Länge, die es bei uns im Rhein gibt, zu fangen, braucht man spezielle Ruten, Rollen und Schnüre. Es kann bis zu einer halben Stunde dauern, bis der Fisch nach dem Anbeißen schließlich an Land ist." Neben Welsen gehören laut Gutjahr in unserer Region auch große Karpfen, Hechte und Zander zu den begehrten Trophäenfischen: "Der Karpfen kann bis zu einem Meter lang und 40 Kilogramm schwer werden. Er hat sehr viel Kraft und wehrt sich vehement."

Im Youtube-Video zeigt der Karpfenfischer natürlich auch diesen Kampf gegen das Tier. Offen bleibt, warum er für diese Straftat, die er ja sogar selbst filmt, nicht belangt wird. Die Freiburger Erste Staatsanwältin Martina Wilke will sich auf Nachfrage des Sonntag nicht zu Fällen außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs äußern. Allerdings zeigte die Tierschutzorganisation Peta laut eigener Pressemitteilung am 11. Januar dieses Jahres einen Haltinger Angler an, der sogar in einem Zeitungsbericht freimütig bekannte, einen 1,70 Meter langen Wels nach langem Kampf wieder in den Rhein zurückgelassen zu haben. Die Staatsanwaltschaft Lörrach war vor Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Für Gutjahr ist es die Angelherstellerindustrie selbst, die den Trend des "Catch & Release" in Deutschland befeure: "Da gibt es in Fachzeitschriften ganze Artikel dazu." Das Problem dabei ist: In anderen Ländern wie Frankreich oder Spanien, wohin ganze touristische Angeltouren angeboten werden, ist das Wiederentlassen ins Wasser der großen Fische nicht nur legal, sondern wie zum Beispiel in Österreich sogar teilweise gesetzlich vorgeschrieben: Dort präsentieren jugendliche Angler auf Youtube sogar ein Spray, das sie dem Fisch zur Desinfektion auf die Wunden sprühen. So sagt auch Vereinschef Bühler: "Es gibt halt beides: In Deutschland ist es verboten, am anderen Rheinufer erlaubt."