Probenbesuch bei den Jostäler Freilichtspielen

Alle geben ihr Bestes

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Fr, 13. Juli 2018 um 18:17 Uhr

Titisee-Neustadt

Die Jostäler Freilichtspiele stehen bevor. Nach umfangreicher Probenarbeit haben die 58 Darsteller für das Stück "Glasvogt Melchior" ihren Stoff im Griff. Die Badische Zeitung ist beim Endspurt der Vorbereitungen dabei gewesen.

TITISEE-NEUSTADT. Was für ein Gewusel! Und das im so ruhigen Seitental Schildwende im Jostal. Rechts neben der Holzriese schippen zwei Männer unverdrossen noch mehr Erde auf den Haufen, der einen Kohlenmeiler darstellen soll, ein dritter schüttet aus der Gießkanne immer wieder Wasser drüber. Links streicht einer schwarze Farbe auf den ockerfarbenen Ofen, damit der "Gebrauchsspuren" aufweist. Vor der Oehlermühle gehen Männer und Frauen mit Requisiten geschäftig hin und her, auf der Holzbank daneben flechtet ein Mädchen einem jüngeren Zöpfe, eine Frau stellt irdene Schüsseln auf den Tisch. Auf der Tribüne sitzen vier vergnügte Jungs in der obersten Reihe, wie die anderen in altertümlichen Klamotten, und warten darauf, dass die Probe anfängt.

Das dauert, weil Barbara Rießle vorher noch dies und das zu klären hat. Doch schließlich, inzwischen ist es gleich halb neun und schon recht kühl, geht’s los. "Wieviel’ Probe wollt ihr noch mache?", fragt sie in die große Runde. "Eine","drei", "fünf", schallt es der Regisseurin entgegen. Gelächter. Dienstag ist Aufbau für die Tontechnik, Mittwoch Generalprobe, Donnerstag ist frei und Freitag Vorpremiere, zählt Barbara Rießle auf. Ein paar Darsteller würden den "Glasvogt Melchior" gern am Montag noch zusätzlich proben. "Das wär’ vom runden Ablauf her für alle noch mal ein sichereres Gefühl", sagt Juliana Faller. Sie spielt die Cäzilie, Magd und Glasmalerin. Jetzt wird erst mal geprobt, später entschieden.

"Das darf noch nicht sitzen", hat Barbara Rießle vorher auf die Frage geantwortet, ob schon alles "sitzt" bei ihren vielen Darstellern. 58 sind es mit den Kindern in diesem Stück, das Autor Hubert Mauz aus Wolterdingen im Auftrag der Jostäler Freilichtbühne geschrieben hat. Die widmet sich fast ausschließlich historischen Themen aus dem Hochschwarzwald wie bei "Fanny". Das Porträt der "Feldbergmutter" war 2002 Barbara Rießles erste Regiearbeit für die Jostäler Freilichtbühne. Auch beim jüngsten Stück 2015 stand eine Frau im Mittelpunkt: In "Die treue Theresia" ging’s um den Kampf einer Hinterzartener Bäuerin um ihren Hof.

Diesmal steht, obwohl der Titel es vermuten lassen könnte, nicht eine Person im Mittelpunkt. "Hauptdarsteller ist die Glashütte", sagt Rießle. "Das könnte man mal machen", war der St. Märgenerin beim Sinnieren über mögliche Themen eingefallen. Kein Wunder, wurde doch im St. Märgener Ortsteil Glashütte schon Ende des 17. Jahrhunderts Glas hergestellt. Glashütte gehörte damals zum Kloster St. Peter, weiß die Regisseurin. Die Glaser durften zum beidseitigen Nutzen den umliegenden Wald abholzen, um das für die Glasproduktion nötige Holz zu gewinnen. "Nach 45 bis 50 Jahren war der Wald weg, dann sind sie weitergezogen", sagt Barbara Rießle. Ihre Öfen hätten sie zerstört, doch in der Erde seien dort noch Glasbrocken zu finden.

Urinflaschen aus Glas und schräge Musik im Container

Viel Überzeugungsarbeit musste die Regisseurin nicht leisten, um ihre Mitstreiter für das Thema zu begeistern. Auch die "Abteilung" Technik und Ausstattung zog wie gewohnt mit – trotz überdurchschnittlich großen Aufwands, wie Rießle sagt. Manfred Kleiser, der wie Rosel Kaltenbach, Monika Ketterer, Helmut Lüber und die Regisseurin zur Spielleitung zählt, sieht indessen "keine außergewöhnlichen Herausforderungen", wie er gelassen erklärt. Auch wenn erstmals ein Baukran gebraucht wurde, um den Fichtenholzturm aufzubauen, aus dem bei den Aufführungen Licht- und Tontechnik gesteuert werden. "Eine schwere Konstruktion", merkt Reinhard Faller an, der für Kasse und Bewirtung zuständig ist und an diesem Abend wie Manfred Kleiser – "arbeitsintensiv ist alles" – Erde auf den "Meiler"-Haufen schaufelt.

Reisig und Rundhölzer werden dort ebenfalls "verbaut" und bei den Aufführungen wird der aufgesetzte Meiler angezündet. "Es sollte rauchen", sagt Barbara Rießle trocken und schiebt hinterher, "wenn die Technik funktioniert". Bei den Forsttagen in Freiburg hat das Team einen Kohlenmeiler begutachtet und sich informiert. Experten über die Schulter schauen konnten die Hochschwarzwälder Theaterleute auch in der Glasbläserei Dorotheenhütte in Wolfach. Überhaupt ist Barbara Rießle begeistert von der vielfältigen Hilfestellung. Die Firma Drubba beispielsweise stellte bereitwillig viele Gläser zur Verfügung. Sogar internationale Kontakte wurden geknüpft: Aus der Schweiz bekamen die Freilichtspiele Urinflaschen aus Glas und die "schräge Musik im Container" zu Beginn des Stücks nahm das "Wiener Glasharmonika Duo" eigens für die Jostäler Freilichtspiele auf, erzählt sie.

Und natürlich das Engagement der "eigenen Leute": Ob es nun die bis zu 25 Aktivisten der Chorgemeinschaft MGV Titisee/Eckbach-Jostal/Hinterzarten sind, die auch Kulissen bauen und laut Rießle "einfach supertoll" sind, oder die vielen Darsteller und das Helferteam hinter den Kulissen – sie alle investieren ungezählte Stunden in das gemeinsame Projekt. "Du musst für ’was brennen", sagt Barbara Rießle. Ihre Leidenschaft fürs Theater wurde geweckt, als sie 1982 in St. Märgen erstmals mit ihren Eltern ein Stück aufführte. "Es lässt mich einfach nicht los", bekennt die temperamentvolle Frau mit unverkennbaren Führungsqualitäten. Die gemeinsame Arbeit mit der "zusammengewürfelten Gruppe", in der gleichwohl viele zur Stammbesetzung zählen, sei "immer eine besondere Zeit". Beim Theaterspielen begegne man sich "näher und anders als sonst".

Das bestätigt Juliana Faller, die zum zweiten Mal dabei ist. Durch das Zusammenspiel "entsteht eine Gemeinschaft", erklärt sie, und verrät lächelnd, "die anderen sind auch aufgeregt". Doch Barbara Rießle habe stets den vollen Durchblick und wisse genau, wie alles werden soll. Und noch eines weiß die Regisseurin, die den Mut ihrer Laiendarsteller "immer wieder genial" findet: "dass alle Beteiligten ihr Bestes geben".

Tickets gibt es bei der Badischen Zeitung und in allen HTG-Touristinformationen. Bestellungen sind auch möglich unter Tel. 07652/1206 8080 sowie über ticket@ hochschwarzwald.de. Aufführungstermine: Samstag und Sonntag, 21. und 22. Juli, 28. und 29. Juli, 4. und 5. August sowie 11. und 12. August (Beginn jeweils 20 Uhr).