Diabetes-Erkrankung

Egon Treffeisen hat seinen Führerschein wegen Diabetes verloren

Julia Gross

Von Julia Gross

Fr, 03. Februar 2017 um 18:13 Uhr

Titisee-Neustadt

Belastende Monate liegen hinter Egon Treffeisen. Mit den Worten Diabetes mellitus Typ 2 hört er zum ersten Mal von seiner Krankheit. Wenige Tage später verliert er seinen Führerschein – erst in der Schweiz, dann in Deutschland.

Seither kämpft der 66-Jährige mit einem eisernen Landratsamt und gegen die Vereinsamung. Er sagt: "Einen Rachefeldzug will ich nicht, aber für Gerechtigkeit kämpfen schon."

Am Nordkap war Egon Treffeisen schon, in Spanien, in Le Mont-Saint-Michel – Fotos in der Wohnung erinnern den Hochschwarzwälder an Zeiten, in denen er einen ganzen Bus voll Urlauber transportiert hat. Treffeisen arbeitet viele Jahre als Omnibusfahrer, 20 Jahre lang allein in der Schweiz, in St. Gallen lebt er da. Das Fahren – immer seine Leidenschaft. Jetzt ist sie ihm genommen worden.

Am 13. Dezember 2016 fährt der Rentner nach Freiburg, auf dem Rückweg wird er auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Die Tür des Zimmers mit der Nummer 102 ist geschlossen, Treffeisen klopft, legt seinen Führerschein – schweren Herzens – auf den Tisch und geht wieder. Er reagiert damit auf einen wochenlangen Schriftverkehr zwischen ihm, seinem Anwalt Peter Sigwarth und dem Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald.

Nach der Diabetes-Diagnose verliert Treffeisen in der Schweiz sofort seinen Führerschein

Mit Beginn seiner Rente im Jahr 2015 beschließt Egon Treffeisen, in seine Heimat zurückzukehren, zurück in den Hochschwarzwald. Er verlässt St. Gallen und sucht sich eine Wohnung in St. Märgen, ganz abgelegen, ganz ruhig, die nächste Bushaltestelle 2,5 Kilometer weit entfernt, organisiert alles, was nötig ist. Dafür muss er auch seinen Schweizer Führerschein umschreiben lassen.

Alles geht glatt im Jahr 2015. Dann, Monate später, will er beim alten Arbeitgeber in der Schweiz aushelfen, wieder als Omnibusfahrer Leute transportieren. Ein Medizin-Check ist hierfür immer notwendig. Bei dem Termin hört Treffeisen zum ersten Mal, dass er an Diabetes erkrankt ist. Sein Wert der Stoffwechseleinstellung ist alarmierend hoch: Bei 10,6 Prozent liegt der HbA1c (Blutzuckerwert).

Dann geht alles schnell: Der Arbeitsmediziner leitet den Befund an die Schweizer Behörde weiter, diese das Ergebnis an die deutsche. In der Schweiz verliert der Berufsfahrer sofort den Führerschein. In Deutschland geht’s länger. In der Zwischenzeit hat Treffeisen zwei Ärzte aufgesucht, seinen Hausarzt und einen Diabetologen. Beide bestätigen schriftlich: Treffeisen ist gut eingestellt, zweifelsfrei fahrtauglich. Die Schweizer Behörde gibt den Führerschein zurück.

Verfahren in Deutschland kommt ins Rollen

Anfang September erhält Treffeisen die ersten Nachrichten aus Deutschland: Bei Bekanntwerden von Erkrankungen, die die Fahreignung ausschließen, könne ein Gutachten eines Arztes mit verkehrsmedizinischer Qualifikation angefordert werden, steht im Schreiben des Landratsamts. "Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man unterzieht sich dem langwierigen Verfahren und reicht das Gutachten ein. Das kann mehrere Monate dauern. Oder man wendet sich ans Verwaltungsgericht", erklärt Anwalt Peter Sigwarth. Der Neustädter ist in diesen Tagen, eigentlich schon länger, nicht gut zu sprechen aufs Landratsamt in Freiburg. "Es hat eine Machtposition inne, die es in selbstherrlicher Weise ausnutzt", sagt er. Das Verhalten der Behörde kann der Jurist nicht nachvollziehen. "In benachbarten Landkreisen passiert so etwas nicht."

Sigwarth entscheidet sich mit seinem Mandanten dazu, vors Verwaltungsgericht zu ziehen. Die Gegenseite versteht diese Entscheidung wiederum nicht. "Nach unserer Auffassung wäre der Fahrentzug vermeidbar gewesen, wenn Herr Treffeisen das geforderte Gutachten eines Facharztes für Innere Medizin mit verkehrsmedizinischer Qualifikation gleich vorgelegt hätte", teilt Matthias Fetterer, Pressesprecher des Landratsamts Breisgau-Hochschwarzwald, mit. Die Gegenseite habe es vorgezogen, sowohl im Verwaltungsverfahren als auch im verwaltungsgerichtlichen Verfahren die Regelungen der Fahrerlaubsnisverordnung grundsätzlich anzugreifen. "Das ist durchaus legitim, nimmt allerdings viel Zeit in Anspruch und führt dazu, dass sich die Wiedererlangung der Fahrerlaubnis für Herrn Treffeisen weiter verzögert", sagt Fetterer.

Derzeit sechs Millionen Diabetes-Kranke in Deutschland

Nach der Fahrerlaubnisverordnung habe man deshalb auf eine Nichteignung schließen und die Fahrerlaubnis entziehen müssen. Für Anwalt Peter Sigwarth war der Weg trotzdem der Richtige: "Ich sehe es einfach so, dass schon die Anordnung dieses Gutachtens rechtswidrig war."

Mehr als sechs Millionen Menschen im Land sind laut Deutscher Diabetes Gesellschaft aktuell von der Zuckerkrankheit betroffen. 300 000 davon haben Diabetes des Typs 1, an Typ-2-Diabetes erkranken hierzulande jedes Jahr 270 000 Menschen. Unter ihnen ist Egon Treffeisen aus St. Märgen.

Seit seiner Diagnose nimmt er eine Kombination aus den Substanzen Metformin und Glifozin. "Charakteristisch für diese medikamentöse Therapie ist, dass hierunter gewährleistet werden kann, dass es zu keinen bedrohlichen Unterzuckerungen kommen kann", schreibt Dr. Daniel Wörner, der Diabetologe, den Treffeisen aufgesucht hat, in seinem Befund. Doch der reicht nicht.

Vergleich des Gerichts soll Parteien zufrieden stellen

Das Verwaltungsgericht bietet einen Vergleich an: Wenn Treffeisen ein positives Gutachten eines Inneren Mediziners mit verkehrsmedizinischem Fachwissen vorlegt und sich regelmäßigen Kontrollen unterzieht, gibt das Landratsamt im Gegenzug den Führerschein zurück.

Die Parteien einigen sich darauf. Und sind sich doch schon wieder uneinig. Egon Treffeisen lässt sich untersuchen, lässt in einer Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin und Innere ein Gutachten erstellen, schickt dieses nach Freiburg. Das Amt muss prüfen, heißt es daraufhin. Die Prüfung ergibt neu: "Das diese Woche vorgelegte Gutachten entspricht nicht dem vor dem Verwaltungsgericht geschlossenen Vergleich. Das Gutachten wurde nicht von einem Facharzt für Innere Medizin mit verkehrsmedizinischer Qualifikation erstellt. Es wurde uns im Übrigen auch nicht vollständig vorgelegt. Seite zwei des Gutachtens fehlt", erklärt Fetterer.

Egon Treffeisen ist bestürzt, fühlt sich in einem kafkaesken, undurchschaubaren Verfahren. Sein nächster Gang wird der zur Praxis sein, vielleicht findet sich dort doch noch ein geeigneter Arzt zur Unterschrift. Bis dahin muss Treffeisen fünf Mal umsteigen, will er zu seinem Wohnwagen am Kaiserstuhl gelangen, 35 Euro für ein Taxi nach Neustadt bezahlen, 35 Euro zurück. Bis dahin besteht das Landratsamt auf das Gerichtsurteil.
Für Diabetiker, die Fragen zu der Krankheit oder ihrer Eignung im Straßenverkehr haben, gibt es den Internetauftritt und einen persönlichen Kontakt der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Bei der Helios-Klinik in Titisee-Neustadt gibt es auch eine Diabetes-Beauftragte. Diabetiker können mit Dr. Irena Sodeik über ihre Krankheit sprechen.