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08. Oktober 2011

Botschaften in Farben und Strukturen

Ausstellung mit Werken von Irmgard Maurer im Kunstforum bietet eine umfängliche Bandbreite an künstlerischer Vielfalt.

  1. Irmgard Maurer (rechts) und die Kunsthistorikerin Kathrin Wegener-Welte vor „Frühlingstag“.

  2. Das Hinterfragen technischer Formen nach ästhetischen Werten regt Irmgard Maurer zu vielen ihrer Radierungen an. Foto: Sigurd Kaiser

TITISEE-NEUSTADT. Man möchte meinen, mehrere Künstler stünden hinter der die Saison im Kunstforum Hochschwarzwald beschließenden Werkschau, zumal der Titel diesen ersten Eindruck zu bestätigen scheint: "Farben und Strukturen – Bilder und Grafik". Tatsächlich vereint diese Ausstellung eine Mehrzahl künstlerischer Stile, ästhetischer Ausrichtungen, Techniken und Topoi. Farbensprühendes steht Schwarzumrissenem gegenüber, (Halb-)Abstraktes kontrastiert mit detailgenauem Gegenständlichem, Kleinformatiges setzt Kontrapunkte zu großen Formaten. Und doch habe – entgegen allem Anschein – eine einzige, freilich vielseitig versierte Künstlerin all diese malerischen und grafischen Werke geschaffen, wie Rainer Mertens, der Vizevorsitzende des Vereins und Mitglied im künstlerischen Beirat, in seiner Begrüßung den treuen Kunstfreunden kundtat, die am Freitag der Vernissage in der Galerie Salzstraße 16 beiwohnten. Man freue sich, zum Abschluss des Jahres eine stilreiche Werkschau der Künstlerin Irmgard Maurer präsentieren zu können.

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Kunsthistorikerin Kathrin Wegener-Welte nannte einige Eckdaten aus Maurers Biografie. In Köln geboren, hat sie an der Kunstakademie Düsseldorf ihre künstlerische Ausbildung erhalten sowie am Musischen Zentrum der Ruhr-Universität, in dessen Grafikwerkstatt sie bis heute arbeitet. Seit 1994 ist sie in Merzhausen zuhause, hat jedoch in Bochum noch einen Wohnsitz. Das beständige Pendeln per Bahn inspiriert Maurer zu ihren charakteristischen Radierungen und Lithografien, die Gleisanlagen, Großbaustellen, Strommasten und weitere technische Motive zu dichten, geometrisch strukturierten Formenpartituren zusammensetzen und diese scheinbar "hässliche" Gegenwart auf deren verborgenes ästhetisches Potenzial hin abfragen.

Dabei beherrscht die Künstlerin laut Wegener-Welte die sich in mehreren Arbeitsschritten vollziehenden grafischen Techniken meisterhaft, wie es etwa die Doppelplattenradierungen eindrucksvoll veranschaulichten. Hierbei wird im Aquatintaverfahren eine zweite Druckplatte, zumeist mit der Darstellung menschlicher Silhouetten in unterschiedlichen Schattierungen, über den zuvor erstellten ersten Abzug mit technischen Motiven gelegt. Mithin entsteht eine reizvolle Überlagerung, die Tiefenwirkung erzeugt und sich kein zweites Mal in exakt gleicher Weise wiederholen lässt, sodass jede Grafik ein Unikat darstellt.

In kräftigem Kontrast zu den technischen Motiven stehen die deutlich größer dimensionierten floralen Farbkompositionen. Sie tragen anmutige Titel wie "Frühlingstag", "Leichte Gedanken" oder "Träumerei" und sind in Acryl oder in aparte Oberflächenstruktur erzeugender Mischtechnik und vereinzelt auch in Öl gearbeitet sind. Maurers Gemälde bilden die Wirklichkeit nicht so ab, wie man sie tatsächlich rein optisch wahrnimmt. Vielmehr wecken sie durch ihren informellen Stil Assoziationen, Empfindungen, Gedanken, Erinnerungen und Mehrfachwahrnehmungen. Sie deuten an, ohne abzubilden, gewähren der Fantasie des Betrachters subjektive Freiheiten, ohne die eigentliche Bildaussage aus dem Blick geraten zu lassen.

Die Farbradierungen Maurers bilden eine weitere stilistische Kategorie. Alle stellen sie Variationen unterschiedlich kräftiger gerader Linien dar, "sich im Endlichen schneidend", wie ihr Titel suggeriert. Die Hintergrundfärbungen, etwa ins Bläuliche oder Zartorange tendierend, verändern die Stimmung der gezogenen Linien, variieren den Charakter und verleihen jeder einzelnen Grafik eine individuelle Aura, welche im Zusammenschluss aller fünf Werke dieser Reihe zu einer Gesamtaussage heranzuwachsen scheinen.

Zwei in jüngster Vergangenheit entstandene Gemälde könnten womöglich in Richtung einer sich künftig noch stärker ausprägenden Entwicklung der Künstlerin weisen: Die von allem Gegenständlichen losgelöste Abstraktion, bei der Maurer die Leinwand nicht mehr vollflächig mit Farbe versieht, sondern bewusst weiß herausleuchtende Leinwandsegmente ausspart, die im Dialog mit den teils satten, teils durch Verwässerung ineinander verschwimmenden Farben zu stehen scheinen.

Wegener-Welte zufolge zeugen alle Arbeiten Maurers von einer kompositorischen Ausgereiftheit, die sich besonders in der Ausgewogenheit der Farbmasse und überdies in den jüngsten Werken im Mut zur freien Fläche zu erkennen gebe.

Sichtlich in Bann geschlagen, betrachteten die Gäste die annähernd 30 Arbeiten Maurers eingehend und horchten deren kontrastreichen Farben- und Formenbotschaften nach. Noch bis zum 30. Oktober kann die Ausstellung "Farben und Strukturen – Bilder und Grafik" besichtigt werden.

Autor: Sigurd Kaiser