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07. März 2009

Brauchtum und Tracht haben nach 80 Jahren zu wenig Rückhalt

Überaltert, kaum noch Aktive und keine Hoffnung mehr auf bessere Zeiten: Der Heimatverein Titisee stimmt am 13. März über seine Auflösung ab

TITISEE-NEUSTADT. Der 80. Geburtstag des Heimatvereins Titisee ist unbemerkt verstrichen, das 81. Wiegenfest wird der Traditionsverein der Brauchtumspflege höchstwahrscheinlich nicht mehr erleben. Der Gemeinschaft fehlen die Lebensgeister, und so schlägt der Vorstand für die Hauptversammlung am 13. März die Auflösung vor. Alle Bemühungen der vergangenen Jahre mit persönlichen Anschreiben der Mitglieder und Appellen an der Öffentlichkeit haben nichts bewirkt.

Der Mitgliederstand ist stetig rückläufig gewesen. 135 Passive sind es noch, fast durchweg gesetzten Alters, der Älteste sogar fast 100. Das Dutzend Aktiver zählt drei Männer mit 72, 68 und 66 Jahren, die Jüngeren sind Anfang 50 und Mitte 30. Ähnlich das Bild bei den Frauen. "Zwei oder drei Paare bekommen wir noch zusammen", sagt der seit 28 Jahren amtierende Kassierer Rudolf Wissler, "damit können wir nicht mehr viel machen." Wissler wurde 2003, beim Jubiläum zum 75-jährigen Bestehen, für 40-jährige Mitgliedschaft geehrt. Der letzte öffentliche Auftritt mag drei, vier Jahre zurückliegen, schätzt er. Einzig das Schierefescht in der Schildwende war zuletzt noch eine feste Größe im Jahreskalender des Vereins.

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"Wir haben es nie geschafft, Jüngere zu gewinnen."
Wissler hatte immer darauf gehofft, dass man die Wende noch schaffen würde. Doch inzwischen hat auch er seine Zuversicht verloren. Der Mitgliederschwund war ein stetiger, unaufhaltsamer Prozess. Vor acht Jahren wurde der gemischte Chor aufgelöst, vor vier Jahren die Kindergruppe, vor zwei Jahren die Tanzgruppe, jetzt sind die wenigen Paare übrig. Überaltert, weil bei den Kindern – nicht nur beim Heimatverein Titisee – spätestens im Alter von zwölf Jahren Schluss ist. Vielseitige andere Interessen, andere Vereinszugehörigkeiten sowie erst die Schule, dann die Ausbildung und schließlich der Beruf, führt er als Gründe an. "Wir haben es nie geschafft, Jüngere zu gewinnen", bedauert er.

Dass man gemeinsam mit den übriggebliebenen Trachtenfreunden anderer Vereine Neues auf die Beine stellen könnte, aus Altglashütten vielleicht oder Lenzkirch? "Das habe ich auch einmal geglaubt", sagt Wissler, aber daraus sei nichts geworden und er kann sich nicht vorstellen, dass es dazu noch kommt. Nicht, weil man nicht miteinander könnte; der Heimatverein Titisee besteht ja auch schon seit vielen Jahren zu einem Gutteil aus Neustädtern. Nein, meint er, man finde einfach nicht zueinander.

Wo es begonnen hat, wird es vermutlich en den
Weil also gänzlich die Perspektive für eine Zukunft der Traditionspflege fehlt, sieht der Vorstand als einzigen Ausweg nun die Auflösung. Eine Vier-Fünftel-Mehrheit der in der Hauptversammlung anwesenden Mitglieder würde es dazu brauchen. Der Vorstand – mit der Vorsitzenden Heiderose de Palo, Vize Martin Wissler, Schriftführerin Sylvia Ranz und Kassierer Rudolf Wissler als dem harten Kern – amtiert eigentlich noch bis 2010.

Ironie des Schicksals: In der Bahnhofsgaststätte Titisee, dem Vorläufer der "Waldlust" wurde der Verein 1928 ursprünglich als "Seeclub" aus der Taufe gehoben, und in der "Waldlust" wird nun wahrscheinlich sein Ende besiegelt.

Ein Vermögen hat der Verein praktisch nicht mehr, die Frauentrachten sind privat, die Männertrachten werden wohl die jeweiligen Träger mit heim nehmen und in den Schrank hängen.

Rudolf Wissler verhehlt nicht, dass ihn die Entwicklung traurig stimmt. Er erinnert sich gerne an die Jubiläumsfeste und die Jahresfeiern im Kurhaus, stets Sternstunden der Brauchtumspflege. In der Chronik ist zu lesen von Trachtentreffen mit mehr als 20 000 Zuschauern am Titisee. Das war in den Anfängen und noch in den Fünfzigern. 2009 dagegen hat der Leitsatz "Sitt' und Tracht der Alten, wollen wir erhalten. Der Heimat gilt's zu Ehren, und niemand kann's uns wehren" einfach zu wenig Rückhalt.

Autor: Peter Stellmach