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14. September 2017

Bürger interessieren sich für die Reise

WIE WAR’S BEI der Podiumsdiskussion der Badischen Zeitung über die Zukunft des Tourismus im Hochschwarzwald im Kurhaus in Titisee?.

  1. Die Frage „Hochschwarzwald – Wohin geht die Reise? Gehen die Bürger mit?“ diskutieren im Kurhaus in Titisee HTG-Geschäftsführer Thorsten Rudolph, Tourismusunternehmer Olaf Drubba, Hotelier Markus Heger und Jochen Brugger vom Badeparadies Schwarzwald (von links) – moderiert wird von Peter Stellmach, Leiter der BZ-Lokalredaktion in Neustadt (rechts). Foto: S. Gilg

  2. Das Publikum hört aufmerksam der Diskussion zu. Foto: Susanne Gilg

  3. Bürger können Fragen stellen – wie hier Ruth Andris vom Raimartihof. Foto: Susanne Gilg

  4. Rund 120 Gäste verfolgen die Diskussion auf dem Podium. Foto: Susanne Gilg

TITISEE-NEUSTADT. Die Frage "Hochschwarzwald – Wohin geht die Reise? Gehen die Bürger mit?" ist am Dienstagabend von Tourismusexperten aus dem Hochschwarzwald im Kurhaus Titisee diskutiert worden. Zu der Informationsveranstaltung mit anschließender Gesprächsrunde hatte die Badische Zeitung in der Reihe "BZ hautnah" eingeladen, rund 120 Bürger kamen.

Das Thema

Die Leinwand im Kursaal gibt den Blick vom Hochfirst auf den Titisee frei – an die Wand geworfen ist eines der vier Motive, die künftig in den Publikationen der Hochschwarzwald Tourismusgesellschaft (HTG) den Hochschwarzwald als Marke symbolisieren sollen. Das neue Markenkonzept erläutert zu Beginn der Veranstaltung HTG-Geschäftsführer Thorsten Rudolph. Er wirft den Blick zurück – vor neun Jahren hat die HTG mit 2,5 Millionen Übernachtungen ihre Arbeit aufgenommen, bis heute ist die Zahl der Übernachtungen auf 3,7 Millionen gestiegen – und damit auch die Zahl der Mitarbeiter, die von 40 auf 100 gewachsen ist. "Wir sind eine der größten Tourismusorganisationen Deutschlands", sagt Thorsten Rudolph. Doch künftig, da gehe es ihm weniger ums Wachstum, dafür aber um mehr Qualität. "Wir wollen nicht immer nur Rekorde, Rekorde, Rekorde", sagt Rudolph. Ziel sei es, die Marke Hochschwarzwald weiterzuentwickeln. "Bekannt sind viele, begehrt nur wenige", sagt er. So kenne jeder Fukushima, aber niemand wolle hin. Rudolph nennt sein klares Ziel: "Der Hochschwarzwald ist das Zentrum des Schwarzwalds", der Gast müsse das "intensivste Heimatgefühl Deutschlands" – das hat eine Analyse ergeben – spüren. Der Schwarzwald wecke in den Gästen aus Deutschland und aller Welt Sehnsüchte, stehe für Landschaft, Nostalgie und Geborgenheit.

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Die Experten

Über die Marke Hochschwarzwald diskutieren im Anschluss an Rudolphs Vortrag Tourismusunternehmer Olaf Drubba, Hotelier Markus Heger und Jochen Brugger vom Badeparadies Schwarzwald, die Teil der Marke sind. "Das Klischee Schwarzwald reicht niemandem mehr, man orientiert sich an Marken", antwortet Olaf Drubba – von BZ-Redaktionsleiter Peter Stellmach auf die gängigen Klischees angesprochen. Alle auf dem Podium Anwesenden hätten in die Qualität investiert, sagt Rudolph, und fügt hinzu: "Wir müssen es schaffen, dass wir nicht zu Mallorca-Zuständen kommen." Jochen Brugger hat beobachtet, dass seine Gäste im Badeparadies Heimatgefühl und Verbundenheit zur Region suchen.

Die Fragen

» Windkraft: Ruth Andris vom Raimartihof spricht von der"größten Attraktion", die die Region zu bieten habe: die Landschaft, die man bitte nicht durch Windräder zerstören solle. "Ich habe klar Position gegen Windkraft im Hochschwarzwald bezogen, wurde auch sehr gescholten, dass ich als HTG-Vorsitzender Inserate geschaltet habe", stellt Rudolph seine und die Position des Aufsichtsrats noch einmal klar. Ob da nicht auch die vom Hochschwarzwald weithin sichtbare Kondenswolke des Atomkraftwerks am Hochrhein störe, will Peter Stellmach wissen. "Nein, da habe ich noch nichts gehört", antwortet Rudolph.

» Titisee: Doris van Teeffelen-Klüttermann aus Neustadt weist darauf hin, dass Bürger, die oft mit dem Zug fahren, keinen Platz finden, weil die Züge überfüllt seien mit Gästen, die mit der Konuskarte fahren. "Kann man nicht in diese Richtung aktiv werden?", fragt sie. "Ich denke, wir müssen jetzt die Zeit bis 2019 überbrücken, wenn neue Züge zum Einsatz kommen – wir hoffen, dass es sich dann zur Zufriedenheit ändert", sagt Rudolph. Einem Besucher aus Freiburg, den es immer wieder in den Schwarzwald zum Wandern zieht, ist der Bahnhof in Titisee ein Dorn im Auge: Der Bahnhof sei verwahrlost, es gebe keine öffentlichen Toiletten, bei einem schweren Unwetter würden die Menschen keinen Unterschlupf finden. "Wir beschäftigen uns gerade mit der Willkommenskultur in Titisee – wir haben das erkannt und wollen den Hotspot Titisee natürlich weiterentwickeln", sagt Rudolph. "Gehört dazu auch, dass sonntags die dortige Touristinfo wieder öffnet?", will Peter Stellmach wissen. "Bis jetzt waren die Zeiten ausreichend, aber da werden wir nochmal draufschauen", antwortet Rudolph. 78 Informationen hätten sie zuletzt sonntags gegeben, wirft Verena Holzer von der gleichnamigen Holzschnitzerei am Bahnhof ein. "Das ist ein unsäglicher Zustand, es gibt am Bahnhof überhaupt keine Informationen und dann kommen alle zu uns – wir sind an unserer Grenze", sagt sie. Rudolph verspricht, sich das Problem anzuschauen. Ein Leser, die seine Frage per Mail geschickt hatte, bewegt, warum die HTG sich in Sachen Strandbad nicht mehr engagiert habe. "Was nutzt es, wenn da der Herr Rudolph schreit – ich bringe auch keine Bademeister. Das war ein personelles Problem und ist eine klare Sache in der Betriebsführung der Stadt." Aber es sei eine Frage für die Zukunft, inwieweit die HTG im Infrastrukturbereich in Verantwortung gehen könne.

» Breitband: Christine Schwörer, die in Kleineisenbach Zimmer vermietet, beklagt das langsame Internet. "Da, wo ich mein Gästehaus habe, haben wir täglich kein Internet." Ein zustimmendes Raunen geht durch den Saal. "Das ist wirklich ein Desaster", so Rudolph. "Wir müssen es ansprechen, immer wieder." Für die Zentrale in Hinterzarten habe man eine Funkverbindung aufgebaut, um schnellere Ladezeiten zu haben. "Wir können die besten Angebote haben – wenn es am Internet scheitert, ist das Mist."

» Hochschwarzwaldcard: Per Mail haben die Redaktion Fragen zur Hochschwarzwaldcard erreicht. Grundtenor: Warum bekommen die Gäste alles kostenlos, warum fördert man eine Billigmentalität? Etwa Freiburger Studenten würden sich teilweise günstige Zimmer nehmen, diese dann gar nicht nutzen und so viel günstiger mit der Karte Ski fahren, so ein Beispiel, das der Fragesteller nennt. "Ich bin dankbar, dass das Thema angesprochen wird", sagt Rudolph. "Ich will nicht ausschließen, dass es solche Einzelfälle wie die der Studenten gibt." Es sei allerdings ein Irrtum, wenn geglaubt werde, dass die Karte gratis sei. Für die Karte werde eine Umlage fällig, die bei rund fünf Euro liegt. Ob Gastgeber sie selbst zahlen, sie auf den Zimmerpreis umlegen oder sich Gast und Gastgeber die Kosten teilen, ist den Betrieben überlassen."Die Gäste zahlen nicht direkt für sie", sagt Rudolph. "Wir schenken nichts her", fügt er hinzu. "Für Familien ist die Karte ideal, da die Nebenkosten kalkulierbar sind", sagt Hotelier Markus Heger. Auch könnten nicht alle Hotels und Pensionen Wellness anbieten – über die Hochschwarzwaldcard könnten Gäste dann aber – zum Beispiel im Radonbad oder im Badeparadies Wellness nutzen. Die Hochschwarzwaldcard gilt laut Rudolph als Erfolgsmodell in der Tourismusbranche.

» Wohnraum: Gabriele Wetter-Mayrock aus Feldberg will in der Veranstaltung für den Wohnraummangel sensibilisieren: "Tourismus zieht ja auch nach sich, dass für mehr Angestellte mehr Wohnraum gebraucht wird – Familien ziehen aus Gemeinden weg, weil sie nichts mehr finden", bedauert die Feldbergerin.
» Wintersport: "Es geht immer um die Natur – aber wie kann es dann sein, dass auf dem Feldberg im schneearmen Winter ein – ich sage es mal provokativ – ein Rennen für 20 Hansele gemacht wird?", fragt Oliver Weigand aus Hinterzarten. "Wenn man Verpflichtungen eingeht, muss man sie auch halten", sagt Rudolph. Die Wasserreservoirs seien zu klein gewesen, um zu beschneien. Daher habe man Schnee aus Neustadt geholt. "Wenn wir Skisport wollen, müssen wir uns auch dazu bekennen – dazu gehört eben auch die Beschneiung."

» Schwarzwaldtourismus: Von Peter Stellmach angesprochen auf den Führungswechsel beim Dachverband Schwarzwaldtourismus, plädiert Rudolph für ein Miteinander. Mit dem Vorgänger von Hansjörg Mair habe es bekanntlich Probleme gegeben. Die beiden Geschäftsführer haben sich vergangene Woche zu einem Frühstück getroffen. "Es kann jetzt nur besser werden", ist Rudolph sicher.

» Zielgruppen: Die HTG unterscheidet zwischen drei Zielgruppen: Genießer, Gesellige und Erleber. Aktuell dominieren Genießer und Gesellige. Ein Zuhörer aus Schluchsee, dessen Familie die Isele-Märkte betreibt, will wissen, welche Zielgruppe die Experten in acht Jahren im Aufwind sehen. "Die Zielgruppe wird heterogener sein", ist sich etwa Jochen Brugger sicher. Das Badeparadies erweitere gerade für Jugendliche und Familien. "Wenn man sich das Cluster anschaut, stellen Genießer und Erleber das größte Potential dar", fügt Olaf Drubba hinzu.

Autor: Susanne Gilg