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17. Februar 2017

Ein Abstecher in die Vergangenheit

Merle Hilbks Radio-Feature fördert einen regen Gedankenaustausch über das Leben in den Wäldern.

  1. Paul Wangler erklärt aus früheren Zeiten den Schulranzen, in aller Regel aus Leder und für Mädchen und Jungen verschieden gefertigt. Merle Hilbk (links) ist eine aufmerksame Zuhörerin. Foto: Gert Brichta

BUBENBACH. "Wer in den Wäldern wohnt", so lautet der Titel des Radio-Features im zweiten Programm des Südwestrundfunks, es stand im Mittelpunkt eines vom Förderkreis Kreatives Eisenbach ausgerichteten Abends. Autorin Merle Hilbk schildert in ihrem Beitrag die Schwierigkeiten der Schulwege von Dorfkindern in den Hochschwarzwaldgemeinden, die von teils abgelegenen Höfen zum Unterricht kommen mussten. Hilbk bezog sich auf Zeiten, als mehr Schnee und strengerer Frost als heute das Leben im Winter beeinträchtigten, der Bogen spannte sich jedoch in die Gegenwart.

Kleine Volksschulen gab es in Eisenbach, Oberbränd, Bubenbach und Schollach, in Schollach hatte sich sogar die Hirtenschule auf die besondere ländliche Situation der Schüler eingestellt.

Der Radiobeitrag stellte heraus, dass die Verhältnisse im Hochschwarzwald durchweg günstig sind und die familiären Strukturen ausgeprägter als andernorts. Zu Wort kamen neben Schülerinnen und Schülern ehemalige Lehrerinnen: Elfriede Zahl oder Antoinette Krupp schilderten ihre Eindrücke, als sie vor Jahrzehnten nach Eisenbach kamen, den hiesigen Dialekt nicht verstanden oder Unannehmlichkeiten hinnehmen mussten. Familie Faller aus Schollach brachte zum Ausdruck, dass heute die begabten Kinder nach ihrer Ausbildung abwandern und nicht zurückkehren. Das Schulleben und die Ausbildungssituation und haben sich grundlegend verändert.

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In der Diskussionsrunde ging es lebhaft zu. Paul und Angela Wangler schilderten, wie sie zur Schule gingen, die Straßen verschneit, einen langen Fußweg vor sich, eiskalt die Hände. Paul Wangler erzählte Anekdoten. Zu seiner Schulzeit wurden die Straßen im Winter von mehrspännigen Pferdekutschen und dem Bahnschlitten geräumt, dies allerdings nur recht selten. So erinnerte er sich daran, dass "mir Kerli" (also wir Jungen) selbst im Winter mit kurzen Hosen angezogen wurden, darunter trug man gestrickte Strümpfe, die am "Strumpfbändel" (heute Strapse genannt) gehalten wurden. Dazwischen – also zwischen Strumpfende und Hosenbund – "isch d’ kalt Wind durchzoge". Seine erste lange Hose erhielt er erst zur Schulentlassung. Seine Frau Angela bestätigte, dass Mädchen erst vom Jahrgang 1944 an nach dem Volksschulabschluss einen Beruf erlernen durften.

Die in Westfalen aufgewachsene Elfriede Zahn, Lehrerin für Hauswirtschaft, musste an den Schulen in Eisenbach, Oberbränd, Bubenbach und Schollach unterrichten – es war Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre – und legte ihre Fahrten mit dem Fahrrad und später mit dem Moped zurück. Im Winter war das eine Tortur und gefährlich dazu, doch niemand fragte nach, wie sie es durchstand.

Eisenbach verfügte damals über eine Volksschule, die Klassen 1 bis 4 und die Klassen 5 bis 8 wurden in zwei Räumen gemeinsam unterrichtet. Die meisten Kinder besuchten diesen Schultyp, nur wenige wechselten auf das Gymnasium. Realschulen gab es erst seit 1964, damals Mittelschulen genannt. Als sinnvoll wurde hervorgehoben, dass begabte Schüler und solche mit Lerndefiziten gleichzeitig unterrichtet wurden. Die Schule wurde im Laufe der 60er-Jahre zur Mittelpunktschule, Schüler aus allen heutigen Ortsteilen sowie aus Schwärzenbach und Urach kamen mit Bussen. Von den Schulleitern war Flexibilität verlangt, denn die Grundschulen mussten in die Ortsteile sowie in das Untergeschoss des Rathauses verlagert werden, damit im neuen Schulgebäude genügend Platz für die Hauptschule blieb. Die Abschaffung der Grundschulempfehlung leitete das Ende der Hauptschule ein. Die Lichtenbergschule ist nur noch eine Grundschule.

Junglehrer fahren lieber täglich von Freiburg an

Es hat sich viel geändert. Die Schüler erreichen ihre Schule per Bus, das Schulsterben in den kleinen Orten hat eingesetzt. Mehrere Redebeiträge stellten heraus, dass Junglehrer schon immer ungern in den Hochschwarzwald kamen, dass sie dann aber die Qualität der Schüler und Schulsituationen schätzen lernten und sich sogar im Hochschwarzwald niederließen und nicht mehr weg wollten. Die heutigen Lehrer/innen wohnen nicht mehr am Ort, sondern bevorzugen den Weg von Freiburg in den Hochschwarzwald. Dass sie dabei rechnerisch pro Jahr zwei Wochen auf der Straße verbringen und etwa ein Monatsgehalt pro Jahr für das Fahren ausgeben, wurde nicht angesprochen – dafür aber der Umstand, dass die Gemeinden des Hochschwarzwald nicht attraktiv genug erscheinen.

Wohin der schulische Weg in der Gemeinde führen wird, darüber waren sich alle Beteiligten einig, ist ungewiss.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von den Nachwuchstalenten Nele Schwörer und Lilith Pfrengle-Nobs.

Autor: Gert Brichta