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31. März 2011

Ein klares Ja zur örtlichen Energiewende

Der Weg ist frei für den Zusammenschluss der Stadt mit den E-Werken Schönau und Bürgern / Beispiel Titisee-Neustadt wird zum Fernsehstoff.

  1. zdf, stromversorgung, ews, michael sladek, stromrebellen schönau Foto: Peter Stellmach

  2. zdf, stromversorgung, ews, michael sladek, stromrebellen schönau Foto: Peter Stellmach

TITISEE-NEUSTADT. Kurz vor 20 Uhr am Dienstag sah man einen Rebellen bewegt. Überwältigt sei er, sagte Michael Sladek in die Kamera des Zweiten Deutschen Fernsehens. Überwältigt von der Übereinstimmung, mit der Titisee-Neustadts Gemeinderat soeben dafür gestimmt hatte, dass die Stadt mit den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) zusammengehen und mit einer gemeinsamen Energiegesellschaft die Stromversorgung der Stadt leisten will.

ZDF-Redakteur Joachim Mahrholdt hatte den Sitzungssaal des Feuerwehrgerätehauses für gut zwei Stunden in ein TV-Studio verwandelt, so bedeutend schien der Umweltredaktion der Mainzer Anstalt das Ereignis zu sein: "Sie schreiben heute Energiegeschichte!" Der Begriff "historisch" fiel auch in der fast zweistündigen Debatte mehrfach. Der Beitrag wird am Sonntag um 13.30 Uhr ausgestrahlt.

Sladek hatte anfangs noch ein wenig gebangt, ob der Gemeinderat tatsächlich seine Mehrheit hergeben würde für die Partnerschaft. Doch nach so vielen Besprechungen und Sitzungen hatte der Hauptausschuss vorige Woche eine klare Empfehlung ausgesprochen. Es gab keine Überraschung mehr: Alle Fraktionen feierten das Zusammengehen als richtigen und zukunftsweisenden Schritt.

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Ein wichtiges Ziel ist der Stromverkauf

Seit drei Jahren beschäftigt man sich mit der Idee, das Stromnetz zu rekommunalisieren. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Rückholung in städtische Regie. Denn in den 80er Jahren hatte man die Stadtwerke verkauft, um auf einen Schlag den maroden Haushalt zu sanieren; notwendige Investitionen in die Energieinfrastruktur hätte man sowieso nicht leisten können. Allerdings wuchs danach die Reue, weil der Nachbar Löffingen dank seiner Stadtwerke regelmäßig finanziell gut dastand. Den Weg zur Umkehr geebnet hat der Umstand, dass die Konzession des seitherigen Netzbetreibers Energiedienst (ED) ausläuft.

EWS-Chef Sladek und der technische Geschäftsführer Martin Halm sowie Bürgermeister Armin Hinterseh und Kämmerer Andreas Graf legten die Einzelheiten dar. Demnach gründen die Stadt mit einem 60-Prozent-Anteil und die EWS mit zunächst 40 und später – wenn, wie erhofft, auch Bürger als Genossen mit einsteigen – mindestens noch 30 Prozent eine Gesellschaft. Sie erwirbt das Stromnetz und betreibt es. Ziel der Energiewerke Titisee-Neustadt, wie sie heißen könnte, wird es aber sein, zu den rund acht Prozent der Verbraucher, die bisher schon EWS-Strom beziehen, möglichst viele dazuzugewinnen. Wer jetzt einsteigt, wird übernommen. Sladek garantiert atomstromfreien Saft, gewonnen nur aus Wasserkraft und Kraftwärmekopplung, dies zu günstigen Preisen. Das ist der Stadt wichtig, Hinterseh nannte es gut, dass die EWS ein klares Profil haben, für das sie bundesweit bekannt seien.

"Ausgezeichnete, passgenaue Finanzierung"

Beträge werden nicht offen gehandelt, aber der Rückkauf ist ein Millionenhandel. Die Stadt, die fast blank ist, geht aber nach Darstellung aller Beteiligten nicht nur kein Wagnis ein, sondern wird schon von Anfang an Nutzen haben. Denn sie wird sofort 60-prozentiger Anteilseigner und kann in der 20-jährigen Vertragslaufzeit aus den Erlösen ihre Schuld abtragen, währenddessen aber schon jährlich Überschüsse buchen können. Hinterseh sprach von einer "ausgezeichneten, passgenauen Finanzierung", die Stadt könnte den Rückkauf allein gar nie leisten. Die Konzessionsabgabe, die von der Gesellschaft entrichtet werden muss, fließt in den städtischen Haushalt.

Die Schönauer, die von den fünf Verhandlungspartnern (davon vier mit erneuerbarer Energie) das Rennen gemacht haben, kommen der Stadt noch anderweitig entgegen. Denn als ein weiterer Vorteil der Zusammenarbeit gilt, dass sie ein Paket von Dienstleistungen für den Netzbetrieb geschnürt haben, die gegen Vergütung von der Stadt erbracht werden können. Das reicht vom Einsatz von städtischen Bauhof- oder Forstleuten bis zur Nutzung von Maschinen, auch Verwaltungsarbeit. Die EWS sichern zu, dass mit sonstig anfallenden Arbeiten, die nicht aus eigener Kraft erbracht werden können, regionale Firmen betraut werden. "Maximale Wertschöpfung vor Ort" wolle man ermöglichen, sagte Sladek. Dazu gehört die Schaffung von Arbeitsplätzen im eigenen Betriebsstützpunkt: Sechs, sieben Fachleute sollen das Netz betreuen. Diese könnten durchaus die heutigen orts- und netzkundigen ED-ler sein, erwiderten Sladek und Halm auf Bedenken, man gefährde die ED-Arbeitsplätze.

Sladek: "Ich verwette meinen Kopf dafür"

Zum Thema Versorgungssicherheit äußerte Halm, dass aus dem Netzbetrieb in Schönau Störungen im Bereich von nur wenigen Sekunden jährlich bekannt seien. "Ich verwette meinen Kopf dafür", sagte Sladek, dass die Dienstleistung Stromlieferung so gut sein werde wie bisher. Der Zustand des Netzes sei gut, man kaufe nicht die Katze im Sack, betonten die EWS-Vertreter auf die Frage, ob man nicht Gefahr laufe, erst viel Geld in die Infrastruktur investieren zu müssen. Der ED habe das Netz gut in Schuss gehalten, bestätigte die Verwaltung.

Die Rückholung des Stromnetzes betrifft ganz Titisee-Neustadt – mit der Ausnahme Waldau. Der Ort hängt noch langfristig am Netz der EnBW.

Mit der Zustimmung des Gemeinderats geht es in die letzte Runde zum Abschluss des vorbereiteten Vertrags. Dann muss zügig der Aufsichtsrat besetzt und die Gesellschaft gegründet werden. Um schnellstmöglich handlungsfähig zu werden, damit der angestrebte Start 1. Januar 2012 geschafft wird. Das sei "sportlich, aber machbar", meinte Halm.

Sladek, der Stromrebell der ersten Stunde, erinnerte an die Anfänge der EWS nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl und den hürdenreichen Werdegang bis heute. Er bekannte, es stimme ihn immer noch traurig, "dass der Erfolg einer Katastrophe geschuldet ist". Um so wichtiger sei es nach Fukushima, ein Zeichen zu setzen für die Dezentralisierung und Ökologisierung der Stromversorgung. Wenn dies gelänge in der Partnerschaft mit einer Kommune und der Beteiligung von Bürgern, wäre es einzigartig in Deutschland. Sladek dankte dem Gemeinderat "für das überwältigende Votum" und versprach, "wir werden uns allergrößte Mühe geben". Man sei bestrebt, dass auch die Zweifler eines Tages sagen werden, dass der Beschluss gut und richtig gewesen war.

Sprach es und gehörte dann der Kamera des ZDF und dem Mikro des SWR.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.ews-schoenau.de

Autor: Peter Stellmach