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02. Februar 2017

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung

"Der letzte der feurigen Liebhaber": Ein temporeicher Theaterabend auf der Bühne im Kurhaus Titisee.

  1. Notorisches Festklammern an der Handtasche kann Liebhaber zur Verzweiflung bringen: Jeanette (Sabine Kaack) und Barney (Martin Lindow) auf der Kurhausbühne. Foto: Merle Hilbk

TITISEE-NEUSTADT. Der Kernsatz fiel beiläufig, hingenuschelt zwischen zwei Gags in der ersten Szene: "Ist Affäre für Sie ein schmutziges Wort?" Ein Satz, der sich wie eine banale Verführungsfloskel anhörte, aber im Nachklang eine beinahe philosophische Dimension bekam. Denn "Der letzte der feurigen Liebhaber", der am Montagabend auf der Bühne im Kurhaus Titisee antrat, ist kein Gigolo, sondern ein Sinnsucher.

Ein Mann in den 40ern, dessen Leben in so ruhigen Bahnen verläuft, dass er daran zweifelt. Ja, ihm kommt der, zugegebenermaßen quälende Verdacht, das falsche Leben im richtigen zu leben – was ihn dazu veranlasst, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, bis sie schließlich auf dem Kopf stehen und er entdeckt, dass es genau umgekehrt ist: dass er nicht das falsche Leben im richtigen gelebt hat. Sondern das richtige im falschen.

Und so biegt der Text des New Yorker Theaterautors Neil Simon von der Schnellstraße der rasanten Pointen ab auf den holprigen Pfad der Gesellschaftskritik; ohne – und das ist bemerkenswert – dabei an Fahrt zu verlieren.

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Konkret geht es um Barney Cashman, Besitzer eines New Yorker Fischrestaurants, der seit 23 Jahren mit seiner Highschool-Freundin verheiratet ist. Mit 47 wird er sich plötzlich der Endlichkeit des Lebens bewusst und begibt sich auf die Suche nach einem Sedativum für den diesen Bewusstwerdungsprozess begleitenden Schmerz. Er greift zum Populärsten, das dazu noch am einfachsten zu beschaffen zu sein scheint: der Affäre.

Drei Frauen lädt er nacheinander in das penibel aufgeräumte Apartment seiner Mutter ein, die ein Mal pro Woche ihrem Ehrenamt in einem Krankenhaus dient. Bei ihnen allen scheitert er als Verführer. Scheitert, weil er zu unbeholfen, zu höflich, zu besorgt ist, und dient damit am Ende aber nicht mehr und nicht weniger als seinen Bedürfnissen.

Denn Barney Cashman steht der Sinn nicht nach schnellem, gedankenlosem Sex. Er will nicht seinem Leben entfliehen, sondern ist auf der Suche nach etwas, das diesem Leben Glanz geben könnte, Bedeutung, ja: Sinn.

Vom Sinn ist ja schon aus der Bibel bekannt, dass man ihn meist dort findet, wo man ihn am wenigsten vermutet: vor der eigenen Nase. Das heißt: Man hat ihn meistens schon, muss ihn sich nur bewusst machen.

Diesen Zweck erfüllt die Begegnung mit dem kühlen, nikotinsüchtigen Pagenkopf-Vamp Elaine Navazio, die ihn mit sprachlichem Zynismus und beherztem Händegriff aus der Reserve zu locken versucht. Barney verweigert sich, indem er Fragen stellt, und verbucht Lernerfahrung Nummer eins: Direktheit hat nicht unbedingt etwas mit Leidenschaft zu tun, und Coolness ist eine Abwehrreaktion der Psyche gegen Lieblosigkeit.

Die junge Schauspielerin Bobby Michele dagegen, die er, pleite und mädchenhaft-erfrischend, auf einer Parkbank aufgabelt, leidet eher an Sprech-Diarrhoe. Sie hört nicht auf zu reden, springt von einer Episode zur anderen, und das einzige, was diese Episoden verbindet, ist, dass es immer um sie geht, die begabte, aufregende Schauspielerin, deren Talent beständig verkannt, und deren Reize ständig missbraucht zu werden drohen. Ein Muster-Dialog für die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Selbst von ihrem Klinikaufenthalt berichtet das scheinbar so unschuldige, flatterhafte Wesen wie von einem schlagzeilenträchtigen Abenteuer. Und Barney begreift: Das Verlangen nach Ruhm trägt weniger zur Erhöhung des Lebens bei als zur geistigen Verwirrung – und zum Aus für jede echte Leidenschaft.

Der Affärenversuch Nummer drei wird von der Gegenseite initiiert: Jeanette Fisher, der Frau seines besten Freundes, die sich über die Affäre ihres Mannes mit der Frau des lokalen Gebrauchtwagenhändlers hinwegtrösten will. Doch Jeanette entpuppt sich als hochmoralisch und schwer depressiv, und Barney mutmaßt rasch einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Wesenszügen. Vor allem aber wird er wütend, weil Jeanette sich an ihre Handtasche wie an ihre Ehre klammert, und wenn das Publikum genügend über die Handtasche gelacht hat, reißt er sie ihr aus der Hand und prügelt auf sie ein wie auf einen Boxsack. Am Ende ist es Jeanettes Welthass, der ihn erkennen lässt, was ihn zu seinen Affären-Träumen getrieben hat. Und so ruft er, wieder allein, seine Frau an, um sie für ein Schäferstündchen in die Wohnung seiner Mutter zu bestellen. Ein kleiner, aufregender Bruch der Eheroutine, der Barney in glücklicher Erregung zurücklässt.

Ein Barney, der den meisten Zuschauern aus dem "Fahnder" und "Polizeiruf 110" bekannt sein dürfte. Doch es war Martin Lindow anzumerken, dass er sich nicht nur im männlich-markigen, sondern auch im Slapstick-Fach wohl fühlt. Seine Rolle spielte er mit ebenso vollem Körpereinsatz wie Sabine Kaack, deren Gesicht ältere Semester wohl immer noch mit den Dornbuschs verbinden, und die Nachwuchsschauspielerin Marie Anna Suttner.

Ein überzeugend inszenierter, unterhaltsamer Theaterabend, der wohl selbst kulturpessimistischen Großstädtern Freude bereitet hätte.

Autor: Merle Hilbk