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23. Juni 2009 13:18 Uhr

Premiere

Führung in Titisee: Frau von Pösel neigt zum Schwärmen

Die Übernachtung kostet 2 Mark, wenn man mit dem Höhenwagen Titisee erreicht hat. Hier geht es zwar, desto mehr Wirtschaften eröffnet werden, je liederlicher und unsittlicher zu, und es wächst die Gefahr, dass man Strolchen und liederlichen Vagabunden begegnet, während gleichzeitig die Menschen mit mangelhafter Oberbekleidung in den See gehen. Doch wenn auch ein Doppelmord mit zwei verscharrten Leichen für Aufsehen sorgt, so bleibt doch der Trost, dass die Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlaufen Männer wie den Herrn Rittberger (genau, den Herrn Rittberger!) locken, sodass man geradezu in Verzückung geraten kann – vor allem Victoria von Pösel, wobei das von die besondere Betonung verdient.

  1. Frau von Pösel tanzt auf der Seebühne Charleston. Foto: Peter Stellmach

  2. Frau von Pösel tanzt auf der Seebühne Charleston. Foto: peter stellmach

  3. Die blaublütige Berlin voraus durch Titisee, die Menschentraube hinterher. Foto: peter stellmach

TITISEE-NEUSTADT. Wie bitte? Wer so fragt, hat eines gemeinsam mit Urlaubern an der Seepromenade, die am Montag erst den Mund nicht mehr zubekommen und dann beinahe Genickstarre erleiden, als sie dem Tross hinterherblicken. Der Dame im hellblauen Kostüm und kessem Kopfschmuck – "Meine Damen, gehen Sie niemals ohne Hut!" – , die ihren Koffer energischen Schrittes durch den Ort trägt und eine Traube von Menschen hinter sich her zieht. An die Promenade, zum Seehof, zurück an die Seebühne. "Nicht ganz regenfrei der Tag heute, nicht wahr", wirft sie den verdutzten Passanten entgegen, die, wenn überhaupt, nicht gleich merken, in welchen Film sie da geraten sind.

Hinter Frau Pösel, Verzeihung: von Pösel, so viel Zeit muss sein, verbirgt sich Viktoria Wehrle, ein Nordlicht, das in Triberg das Hotelfach lernte und sich danach vielseitig beruflich betätigte, immer neue Herausforderungen suchend. Die Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder lebt seit zwei Jahren in Titisee mit den beruflichen Standbeinen einer Verwaltungstätigkeit bei der Volkshochschule St. Georgen und einer eigenen Firma, die mehrsprachig Reiseleitungen und Gästeführungen im Schwarzwald und am Bodensee sowie ins Elsaß übernimmt, außerdem Reisen plant und organisiert. Überdies ist sie die Vorsitzende des Vereins der Gästeführer im Naturpark Südschwarzwald, die auch als Tutorin die Ausbildung dieser Führer begleitet und bei den Prüfungen mitwirkt. Geradezu ins Schwärmen kommt sie, wenn sie davon erzählt, denn für sie gibt es nichts Schöneres, als vor allem den Schwarzwald den Menschen nahezubringen – und dann oft ein herzliches Dankeschön als Lohn mit nach Hause nehmen zu können. "Das bringt einem auch selbst unheimlich viel", sagt sie.

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Woher hat das kleine Bergdorf Hinterzarten seinen Namen?

Die Idee schwebte ihr lange vor. Das Berlin der 20er Jahre hat aus ihrer Sicht einfach etwas besonderes – und es war auch die Zeit, da sich in Titisee der Tourismus richtig zu entwickeln begann. Die Rolle der blaublütigen Sommerfrischlerin mit dem Tagebuch von Frau Mutter, reich, versnobbt und allzeit scharf auf Männer, bot sich als verbindendes Element geradezu an. Und Viktoria Wehrle erhebt einen Anspruch, will das, was sie macht, auch gut machen: Zwei Jahre lang hat sie das Konzept ausgearbeitet, bis die Figur und der geschichtlich-touristische Hintergrund deckungsgleich waren. Sie befasste sich mit den berüchtigten Wilden Zwanzigern, schneiderte ihr Kleid nach einem Originalschnitt selbst, nahm Unterricht im Charleston-Tanzen und beschreibt dankbar, wie sie einen Original-Koffer mit Original-Aufklebern von einer Gästeführer-Kollegin geschenkt bekam – den Frau von Pösel natürlich nur trägt, wenn der Hoteljunge gerade (mal wieder) nicht zur Stelle ist. Außerdem ergänzte sie ihr reiches Gästeführer-Wissen mit der Fülle von Informationen aus Literatur und Chroniken. Geprobt hat sie auch – "witzigerweise kann ich das nur im Kostüm", sagt Wehrle-Pösel lachend. Herausgekommen ist das Programm einer Führung, die eine ganze Stunde lang, aber irgendwie rasend schnell vorüber ist.

Das Echo auf ihr ausgefallenes Angebot bereitet Viktoria Wehrle große Freude. Einige Hotels haben die Führungen im Zauber der 20er Jahre schon für August gebucht, wöchentlich. Der Waldauer "Trauben"-Wirt Eugen Winterhalder zeigte sich angetan (und ließ sich als Hausknecht an den "Bären" vermitteln!). Die Hochschwarzwald Tourismus Gmbh hat die Anmeldung des schrägen Gasts vorliegen. Offene Führungen wie am Montag sind 14-tägig geplant. Weitere Termine sind Freitag 3. Juli und Samstag 18. Juli.

Man könnte an dieser Stelle noch erzählen, wie sich Titisee allmählich mausert, der Verkehrs- und Verschönerungsverein 50 Ruhebänke aufstellt und im Schwarzwaldhotel der Tanztee mit Charleston, Shimmy und Black Bottom brummt. Und erklären, woher "das kleine Bergdorf Hinterzarten" seinen Namen hat. Doch das lässt man sich besser von Frau Pösel sagen, Verzeihung: von Frau von Pösel, so viel Zeit muss sein.

Anmeldung und weitere Auskunft unter Tel. 07651-9365460, Fax 07651- 9365475, mobil 0174-1869846 und info@schwarzwaldgenuss.com sowie http://www.schwarzwaldgenuss.com

Autor: Peter Stellmach