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15. September 2009

Kuhfladen-Slalom und frische Luft

Zwei Berliner Studentinnen werben wandernd im Hochschwarzwald für das "Wandern ohne Gepäck"

  1. Ramona und Kristin auf dem Weg von Höchenschwand nach Rothaus. Foto: Eva Weise

HOCHSCHWARZWALD. Freiwillig wandern – und dann gleich 160 Kilometer weit. Das hätten sich Kristin (26) und Ramona (24) früher kaum vorstellen können. Jetzt sind die Berlinerinnen für neun Hotels in Sachen Werbung unterwegs: Sie laufen den Südsteig ab und berichten im Internet unter http://www.wanderidee-blog.de was sie als frisch gebackene Wanderinnen alles erleben. Wie es dazu kam? Kristin lacht: "Ich habe mich am Telefon verwählt".

Seit über 35 Jahren organisieren neun Hotels im Hochschwarzwald "Wandern ohne Gepäck". Die Route führt von Titisee aus in neun Etappen rund um den Feldberg. Für ungeübte Wanderer wie Kristin und Ramona kein Zuckerschlecken. Seit Freitag sind sie unterwegs. Sechs Etappen sind schon geschafft, gestern sind sie in Höchenschwand angekommen. Wie geht es ihnen? "Wunderbar" strahlen die beiden beim Frühstück, ein bisschen Farbe hätten sie auch schon bekommen. Von Muskelkater keine Spur. Nur hier und da ziepe es ein wenig. Ein Blick auf ihre neuen Wanderschuhe. Blasen? Sie verneinen lachend, dabei hätten sie einiges in einen großen Pflastervorrat investiert. Sie sind selbst erstaunt, wie gut sie sich als "Flachländer" halten. Dabei hätten sie bis jetzt mit Wandern nie etwas "am Hut" gehabt.

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Beide arbeiteten mehrere Jahre in der Hotellerie und waren eher froh, wenn sie die Beine einmal hochlegen konnten. Ein Wanderurlaub wäre nie in Frage gekommen. Vor zwei Jahren lernten sie sich kennen. Beide drückten nochmals die Schulbank, um ihr Fachabitur nachzuholen, danach begannen sie ein Studium und sitzen seitdem viel am Schreibtisch. "Mir fehlte Bewegung", erklärt Kristin und dachte über eine Wanderung nach. Ramona war von der Idee begeistert. Beim Reiseziel waren sie sich einig: "Baden ist für guten Wein und leckeres Essen bekannt", sagt Restaurantfachfrau Ramona und Kristin mag den Süden, seit sie in Konstanz ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert hat. Sie stöberten im Internet und fanden das "Wandern ohne Gepäck" im Südschwarzwald. Kristin griff zum Telefonhörer – und verwählte sich. Statt bei der Buchung, landete sie bei Stefan Sulzberger, der gemeinsam mit Lebensgefährtin Melanie Hättich die "Wanderidee" vermarktet. Sie kamen sofort ins Gespräch, mit dem Ergebnis, dass die beiden Berlinerinnen nun zu Fuß unterwegs sind, um für den Südsteig als Touristenmagnet zu werben. Dafür werden Kristin und Ramona jeden Abend mit einem leckeren Gratis-Essen verwöhnt. "Wir erleben jeden Tag so viel", sagt Ramona, ihr Reisetagebuch fülle sich langsam. Jedes Detail wird darin festgehalten: Vom Slalom durch Kuhfladen, über die herrlich frische Luft bis zu den frischen Blaubeeren zum Frühstück.

Für Kristin und Ramona ist die Wandertour ein tolles Erlebnis, aber auch ein Abenteuer mit Grenzerfahrungen. Denn die langen Märsche über die Schwarzwaldgipfel sind kein Pappenstiel. An Umkehren und Aufgeben hätten sie aber nie gedacht. "Das schaffen wir", war von Beginn an ihr Motto. Beim Aufstieg zum Belchen mussten einige Höhenmeter überwunden werden. Oben angekommen, entlohnte ein atemberaubender Fernblick. Die Tour sei gut organisiert, die Menschen sehr herzlich. Auf der Straße grüße sie jeder, was sie anfangs etwas verwunderte, in Berlin sei das nicht üblich. Jeden Abend fallen sie todmüde ins Bett.

Wie jeden Morgen sind sie auch heute um sieben Uhr aufgestanden. Beim Frühstück langen sie kräftig zu, bevor sie einen Blick in die Wanderkarte werfen. Heute steht Rothaus auf dem Programm. Mit 14 Kilometern eine kurze Wegstrecke. Ramona wirft einen Blick durchs Fenster: Herrliches Wetter. In den ersten zwei Tagen hatten sie weniger Glück. Sturm und Regen peitschten auf dem Feldberg bei 6 Grad. Um neun Uhr wollen sie aufbrechen. Ums Gepäck brauchen sie sich nicht zu kümmern, ihre Koffer werden mit dem Kurier ins nächste Hotel transportiert. "Ein angenehmer Service", sagt Ramona und schultert ihren Rucksack. Sie treten ins Freie: "Wie herrlich diese klare Morgenluft ". Mit flotten Schritten laufen sie über eine Wiese. Am Freitag ist ihre Tour zu Ende. "Schade", sagen beide, "wir wären gern noch weitergelaufen."

Autor: Eva Weise