Neue Retterin im Dienst

Eva Korinth

Von Eva Korinth

Mo, 31. Juli 2017

Titisee-Neustadt

30 Meter Höhe und mit abknickbarem Korb / Die Teams haben die Drehleiter vier Wochen lang erlernt.

TITISEE-NEUSTADT. Dienstantritt am Sonntag: Die neue Feuerwehrleiter steht einsatzbereit im Feuerhaus. Vier Wochen lang haben sich die Teams eingehend mit ihrem neuen Spezialfahrzeug vertraut gemacht. Anleitung gaben die Drehleiterausbilder Dirk Schuhmann, Sven Spitz und Martin Kirner.

Mitte Juni wurde das nagelneue Fahrzeug aus Karlsruhe geholt, acht Kameraden hatten sich im Werk eine Einweisung geben lassen. Seitdem gaben sie ihr Wissen an die Drehleitermannschaften weiter. Die übten vier Tage in der Woche und jeden Samstag. Alles zusätzlich zum normalen Übungsbetrieb und den Einsätzen. Jetzt sind die Teams bereit, sie wissen, wie die neue Drehleiter reagiert, wo was verstaut ist, wie sie sich fährt.

Spaß macht es allen, trotz des Mehraufwands, denn "sie ist schneller, reagiert sensibler und hat mehr Funktionen", ist die einhellige Meinung. Noch ist die Neustädter Drehleiter die modernste im Hochschwarzwald. In zwei Wochen erhält auch Schluchsee eine neue.

Die Unterschiede von der neuen zur alten Drehleiter bestehen nicht nur darin, dass das neue Fahrzeug mit viel mehr Elektronik ausgestattet ist. Das neue Gefährt ist mit 300 PS um 60 PS stärker, sie entspricht Euro-6-Norm, tankt Diesel mit Zusatzstoff Adblue. Mit einem Notstromaggregat kann man die 30 Meter lange Leiter, falls einmal der Motor ausfallen sollte, zurückfahren. Die Vorgängerin musste in so einem Fall zentimeterweise über eine hydraulische Handpumpe bewegt werden – schweißtreibende Arbeit.

Die Neue hat oben ein Gelenk, das es ermöglicht, den Korb abzuknicken, damit man über und hinter einen Dachvorsprung oder eine Mauer gelangen kann. Das ist eine Verbesserung für enge und verwinkelte Einsatzorte, wie es sie in Neustadt immer wieder geben kann. Da der Korb aufgrund des Gelenks außer Sichtweite des Bedieners kommt, hat er drei Kameras: eine zur Überwachung des Innern, zwei unterhalb für die Außenansicht. Der Bediener sieht via Monitor alles. Auch zeichnet die Elektronik den Weg des Korbs auf, sodass er bei einem Ausfall des Bedieners über die automatische Rückkehrfunktion zurückfindet.

Der Korb fasst bis zu 500 Kilo und eine Schwerlasttrage für übergewichtige Patienten oder fünf Mann. Er hat eine Fläche von 1,2 Quadratmetern. Der alte Korb durfte nur mit 300 Kilo belastet werden. Das war für schwere Patienten immer knapp, denn ein Feuerwehrmann ist ja auch noch im Korb. Die Korbfront, das Geländer, kann beim Neuen abgebaut werden, sodass Dachfenster und Gauben besser anfahrbar sind und der Korbboden direkt ans Fenstersims anlegen kann für einen ebenerdigen Ein- und Ausstieg.

Korb und Leiter haben eine fest verlegte Wasserleitung. Da muss unten nur das Wasser angeschlossen und oben im Korb der Wasserwerfer aufgesteckt werden, schon kann gelöscht werden. "Das spart Zeit", sagt Kommandant Andreas Reiner. Bei der alten Drehleiter musste der Schlauch über die Leiter in den Korb verlegt werden.

Die neue Leiter fährt deutlich schneller als die alte. Es gibt eine Fernbedienung. Das Fahrzeug kann auch schneller abgestützt werden, damit ist die Drehleiter schneller in der Ausgangsposition und einsatzbereit. Sie braucht drei Mann Besatzung inklusive Fahrer mit Lastwagenführerschein, der auch Maschinist für Löschfahrzeuge und Hubrettungsfahrzeuge ist. Am besten gehören zur Dreiermannschaft noch ein weiterer Maschinist mit gleicher Ausbildung und ein Atemschutzgeräteträger mit Korbausbildung. 22 Fahrer hat die Drehleiter und fünf mit Korbausbildung. Hier wird 2018 weiter ausgebildet.

20 Jahre lang hat die alte Drehleiter gedient, zuletzt aber immer mehr gemuckt. "In den Übungen hat die Drehleiter wie eine Eins tadellos funktioniert", beschreibt Andreas Reiner, der auch hauptamtlicher Gerätewart ist, die Situation, "aber sobald sie Feuer gesehen hat... ". Aber gerade da kommt es auf Zuverlässigkeit an für die Sicherheit der Feuerwehrleute. Einmal funktionierte der Korb nicht mehr, da ließ sich die Drehleiter nicht mehr bewegen. Ein andermal ging plötzlich der Motor aus. "Das war in den Einsätzen problematisch", weiß Reiner. So fiel sie beim Brand beim "Bären" in Titisee und beim Großbrand der Ketterer-Säge in Hölzlebruck aus. Männer waren im Korb, unter ihnen loderte Feuer, oben ging nichts mehr, die Leiter ließ sich nicht zurückfahren. Er selbst hat das erlebt.

Die wenigsten Drehleitereinsätze sind Brandeinsätze. Sehr viel unterwegs ist die Feuerwehr dagegen für medizinische Rettungsdienste, kranke oder verunglückte Menschen aus ihren Wohnungen zu transportieren, weil die Treppenhäuser für den liegenden Transport mit Tragen zu eng sind. Mindestens 15 bis 20 Liegendtransporte jährlich ergeben sich.

Am Donnerstag, 3. August, verlässt die alte Leiter endgültig den Hochschwarzwald. Zwischen 9 und 12 Uhr kommt ein Fahrer der Firma Rosenbauer und chauffiert sie nach Karlsruhe. Ein wenig Wehmut verspüren die Feuerwehrleute schon. Sie haben 20 Jahre mit ihr gearbeitet und kennen sie bis ins i-Tüpfelchen. Da wächst man schließlich zusammen.