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01. Februar 2012
Plädoyer für gerechte Bildung
Der SPD-Ortsverein und der Experte Christoph Bayer tragen die neuen Ideen in den Hochschwarzwald.
TITISEE-NEUSTADT. Welche Wirkung es haben kann, wenn nach einer Stunde Vortrag plötzlich nur noch geflüstert wird. Kein Räuspern, kein Scharren mit den Füßen. Nein, es wird noch ruhiger. Ja, es wirkt, als seien die Zuhörer durch ein Schlüsselloch geschlüpft – vom Saal des Kurhauses in Titisee hinein in die Hebelschule Schliengen. Dort beobachten sie Schüler in den Selbstlernateliers. Und hören von Lehrern, welcher Ansatz hinter dieser Art des Lernens steckt: Unterricht im Flüstern.
Die Markgräfler sind Pioniere der Gemeinschaftsschule (die BZ hat ausführlich darüber berichtet), und gedreht hat den Film der SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Bayer, der an diesem Abend in Titisee für die Bildungspolitik der neuen Landesregierung wirbt. Der SPD-Ortsverein Titisee-Neustadt hat den bildungspolitischen Sprecher der Landtagsfraktion eingeladen. Die Genossen wollen einen Impuls setzen, damit man sich auch hier mit der Reform des Bildungswesens und den daraus erwachsenden Möglichkeiten beschäftigt. Nach dem politischen Umbruch im Land ist einiges in Fluss gekommen. Aber wie das funktioniert, das wird auch an diesem Abend deutlich, ist den Menschen noch nicht so recht klar – die Eltern schwimmen so wie die Kommunalpolitiker in den Städten und Gemeinden, die ja die Schulträger sind.Werbung
Der 63-jährige Politiker aus Bad Krozingen mit dem Wahlkreis 48 (Markgräflerland bis Kaiserstuhl), studierter Sozialarbeiter und Diplompädagoge mit vielfältiger Berufserfahrung rund um die Jugend, hakt die Kritikpunkte ab: Das dreigliedrige Schulsystem stamme aus der Kaiserzeit, und wie es seit jeher eine soziale Wertung enthalte, sei der Schulerfolg heute noch von der Herkunft abhängig. Viel zu früh werde ausgelesen, Schwache und Zuwanderer hätten das Nachsehen. Bayer zitiert eine Studie, die 17 Industrienationen vergleicht und das Bildungssystem in Deutschland als Schwachstelle ausmacht. Viel zu wenig sei in die Bildung investiert worden, sagt er und fordert noch viel mehr Einsatz. Denn viel zu viele Schüler "stolperten" durch das bisherige Schulsystem, während die Landesverfassung Bildung und Erziehung garantiere, entsprechend der Begabung und nicht nach Herkunft oder wirtschaftlicher Lage.
Bayer legt die zehn Leitgedanken des "Bildungsaufbruchs 2012" vor, darunter: Kein Kind zurücklassen, früh investieren statt spät reparieren, Eltern stärken und stützen, Ganztagsangebote ausbauen, mehr Jugendliche zu besseren Abschlüssen führen, starke Bildungsinfrastruktur vor Ort und regionale Bildungsplanung, Bildungsketten knüpfen für lebenslanges Lernen. Er plädiert für ein ganzheitliches Konzept, das über die Wissensvermittlung hinausgeht. Er spricht für die Schule als Lern- und Lebensraum und nennt individuelle Förderung als Ziel. Gemeinsames Lernen so lange wie möglich und Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit sollen gefördert werden.
Mehrfach betont er, wie die Reform auf Überzeugung und Freiwilligkeit setzt und dass nicht "nach unten verordnet" werden soll – dazu brauche es viele mitdenkende und handelnde Akteure. Er hebt den "Pakt mit den Kommunen" hervor, der beispielsweise erhöhte Zuweisungen für Kleinkindbetreuung hervorbringt. Bayer führt auch an, dass Lehrerstellen erhalten und Krankheitsreserven aufgestockt werden und in die Fortbildung investiert wird.
Schritt für Schritt erläutert er die Reformmodelle, von der Grundschule bis zu beruflichen Schulen sowie Inklusion.
Das Augenmerk richtet er etwa darauf, dass bei der Grundschulempfehlung die Eigenverantwortlichkeit und Entscheidung der Eltern vorgeht. Oder auf die Reaktion auf die Klagen über das G8-Gymnasium, indem 44 neunjährige Gymnasien angeboten werden. Oder auf die Werkrealschule, die auch einzügig möglich ist. Oder auf die Stärkung der beruflichen Schule (neue Eingangsklassen der Gymnasien, neue Gymnasien). Nicht zuletzt: Die Ganztagsschule wird Regelschule.
Sein Schwerpunkt gilt aber der Gemeinschaftsschule. Sie soll durch individuelles Lernen die Chancengleichheit erhöhen und gerade im ländlichen Raum wohnortnah den Schulstandort mit einem breiten Angebot an Abschlüssen sichern. Selbst und gemeinsam in Gruppen lernen mit Lehrern als Lernpartnern ist der Weg, es gibt kein Sitzenbleiben mehr. Bayer hebt auf das Miteinander von Schule und Eltern ab im Zusammenspiel mit außerschulischen Partnern, um die Schule nach eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Anordnungen gebe es nicht, Hilfestellung werde aber geboten.
Freilich: Die Initiative muss vor Ort entstehen und wachsen. Schulträger und Schulkonferenz müssen sich einig sein, es braucht ein pädagogisches Konzept, den Nachweis über die räumlichen Voraussetzungen sowie mindestens 20 Schüler und – in der Regel – Zweizügigkeit.
Autor: Peter Stellmach


