Tosender Applaus im Wolkenbruch

Antje Walter (Text und Fotos)

Von Antje Walter (Text & Fotos)

Fr, 14. August 2015

Titisee-Neustadt

Die Jostäler Freilichtspiele haben die Spielsaison 2015 beendet und groß sind die Freude und die Erleichterung über den Erfolg.

JOSTAL. Zum letzten Mal "Die treue Theresia – eine Hinterzartener Bäuerin kämpft um ihren Hof" an der Oehlermühle in der Schildwende. Vorsorglich verzichtete die Spielleitung bei der unsteten Wetterlage auf die Pause und ließ stattdessen durch die mitwirkenden Kinder Regenponchos an Zuschauer verteilen. Wie weise diese Entscheidung war, stellte sich erst später heraus, als der Niederschlag heftiger wurde. Gegen Ende des letzten Bildes kam es zu wolkenbruchartigen Schauern, sodass einige Zuschauer vorzeitig ihre Plätze Richtung Ausgang verließen.

Die verbliebenen Zuschauer dankten den durchnässten Akteuren jedoch mit tosendem Applaus und bekamen diesen auch für ihr Durchhaltevermögen von den Darstellern zurück.

So war der Abschied von der Spielbühne 2015 ein schneller, weil sehr nasser. An allen Terminen konnte bis zum Ende gespielt werden, und einige Mitwirkenden freuen sich nun nach mehr als einem halben Jahr eingehender Theaterarbeit auf den Urlaub – wenn auch mit Wehmut, hat doch die gemeinsame Zeit alle Mitwirkenden, jung wie alt, Neulinge wie "Alte Hasen", wieder zu einer großen Familie zusammenwachsen lassen.

Ganz schön Bammel
Franziska Waldvogel hatte große Bedenken, ihrer Hauptrolle als Theresia, die ihre erste Sprechrolle war, gerecht zu werden, zumal es viel Text zu lernen galt, was ihr nach eigener Aussage nicht so liegt. Das Lampenfieber bekämpfte sie mit Bachblüten, die in der Maske bereitlagen. Aber es ging mit der Aufregung besser als befürchtet. Manchmal ertappt sie sich inzwischen auch im Privaten dabei, dass sie mit in die Seiten gestützten Händen dasteht und sich durchsetzt. Dann weiß sie, dass sie die Stärke der Theresia bereits für sich mitgenommen hat. Dankbar ist die 22-Jährige allen, die sie unterstützten, ihr Glück wünschten, sie lobten und darin bestärkten, wie gut sie ihre Sache mache. Egal, wie hart es gerade am Anfang für sie war: Sie möchte die Zeit nicht missen.

Gerne wieder einmal
Andreas Schwär spielte den Lorenz Kapp als seine erste Rolle. Er empfand sie als anspruchsvoll, sie ging ihm aber, wie er meint, recht leicht von der Hand, da er auch kein "so Einfacher" sei. Teils habe er sich selbst gespielt – in welchen Teilen, lässt er mit einem Lachen offen. Bedenken hatte der 24-Jährige wegen der Menge an Text, die es zu lernen galt. Viel Spaß trotz des zeitlichen Aufwands machte ihm das Gefühl, Teil der Theatertruppe zu sein, was er gerne wiederholen würde. Besonders beeindruckten ihn der Zusammenhalt, die gegenseitige Unterstützung und die entstandenen Freundschaften.

Kämpfen lohnt sich
Jana Kleiser als Paulina Geiser, Schwester der Theresia, hatte selbst als erprobte Darstellerin und Sängerin mit zahlreichen Auftritten noch Lampenfieber, was für sie aber dazugehörte wie die Anspannung und Aufregung bei jedem neuen Stück. Besser geworden sei das schon durch die Routine, sagt sie, und mit der Zeit denke man sich, "es hat bisher auch immer geklappt". Bewundernswert war für sie persönlich die Vorbildfunktion der Theresia für die Emanzipation der Frauen. Für sich selbst nimmt sie aus diesem Stück mit, dass es sich zu kämpfen lohnt, wann immer es einem selbst wichtig ist. Das Theater ist für sie eine faszinierende, große Familie, in die es schön ist immer wieder zurückzukehren, die Kinder aufwachsen und älter werden zu sehen.

Einer wäre noch gegangen
Hansjörg Löffler, der nach mehreren Rollen bei den Freilichtspielen diesmal den Bauern Michael darstellte, hatte zunächst Bedenken mit der Besetzung der schwierigen weiblichen Hauptrolle, jetzt zieht er jedoch seinen Hut vor Franziska Waldvogel, "die das wahnsinnig toll gemacht hat, und deren Rolle einfach gut zu ihr passt". Auch sonst habe die Spielleitung eine gute Hand bei der Zuteilung "der richtigen Rollen für die richtigen Leute" bewiesen. Seine eher kleine Rolle war für ihn entspannend. Wichtig ist ihm neben der guten Gemeinschaft das Publikum und dass das Stück ankommt. Er hätte gerne noch eine zusätzliche Vorstellung gespielt...

Fantastico!
Stefan Ketterer, ein etablierter Darsteller, und Markus Wangler, ein Neuling, als italienische Bauarbeiter Emilio und Giacomo knieten sich richtig hinein und lernten von italienischen Mitbürgern und Kollegen nicht nur die richtige Aussprache, sondern gleich noch die gesamte Konversation auf dem Weg zum Wirtshaus, die im Rollenbuch so nicht enthalten war. Lampenfieber gehörte für die beiden dazu wie die Anspannung im Sport, um konzentriert die höchste Leistung bringen zu können, wenn es losgeht. Das Stück empfanden sie in historischer Hinsicht faszinierend, obwohl hart und traurig. So waren sie froh, dass sie selbst einen lustigen Part darin spielen durften und beim Publikum manchen Lacher auslösten. Rückblickend auf die ersten Leseproben im Februar bis hin zu den sich überschlagenden Fortschritten noch in der letzten Probewoche zeigen sich beide beeindruckt von der Entwicklung des Theaterstücks an sich und den einzelnen Darstellern. Beiden bleiben nur gute Eindrücke, mit einem Wort: fantastico!

Alles rund
Maria und August Fürderer, die Besitzer der Oehlermühle, hatten trotz der Mehrarbeit und aller Umtriebe große Freude mit den Schauspielern und Gästen sowie Begegnungen und Gesprächen. Sie freuen sich, dass die gesamte Region sowie die Oehlermühle durch die Freilichtspiele an Bekanntheit gewinnen, auch wenn sie alle Führungen und Veranstaltungen verschieben mussten. Die wahren Begebenheiten sind für die Landwirte von großem Interesse, und sie freuen sich besonders, dass die Spiele eine runde Sache sind – wie das Wasserrad der Mühle.

Freiheit im Verrücktsein
Stefan Löffler hatte keine Schwierigkeiten, sich in seine Rolle einzufühlen. Er hofft zwar, dass diese nicht an ihm hängenbleibt, freut sich jedoch auch, wenn er beim Einkaufen mit seinem Rollennamen Theo angesprochen wird. Die Gedichtform lag ihm gut, und das Spielen kam mit der Verkleidung fast von alleine. Die lustige Rolle machte ihm Spaß, das Lampenfieber am Anfang gehört aus seiner Sicht einfach dazu. Wichtig für ihn persönlich war, dass alle an einem Strang zogen, egal, wie alt und woher. Gerne will er wieder einmal dabei sein. Als Motto, speziell aus dieser Rolle, nimmt er für sich, wie es im Drehbuch geschrieben steht, mit: "Freiheit im Verrücktsein finden" ist auch mal schön.

Jeder darf können
Renate Kleiser ist sehr ergriffen von der Reaktion der Leute auf das monumentale Theater, das in monatelangem Bemühen auf die Beine gestellt wurde. Als wohltuend und nachhaltig empfindet sie die Bewegung, die in Einzelnen durch das Theaterspielen vor sich geht. Es sei toll, immer neue Leute dabei zu haben, da sei nichts Eingefahrenes, jeder bekomme seine Chance, aus sich herauszukommen, auch wenn einige nie zuvor gespielt haben. Man müsse nicht immer eine Hauptrolle spielen, sagt sie, auch aus einer kleinen Rolle könne man Großes machen.

Der Dank der Mitspieler
Marika Reith und Martina Schuler sorgten nicht nur für geschminkte Gesichter, sondern zeigten sich auch fit in Flechtfrisuren, Dutts, Bärten und gescheitelten Pomadenfrisuren. Sie hatten Nähzeug, Sicherheitsnadeln, Bachblüten und anderes für alle Eventualitäten dabei. So ersetzten sie etwa für Lorenz den vergessenen Ehering durch eine gebogene goldene Haarnadel. Schön und kurzweilig war es für sie in der Maske. Die Gespräche, die Dankbarkeit der Mitspieler und das gute Miteinander gab ihnen immer ein gutes Gefühl, und dem Ende der Freilichtspiele sahen sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen.