Volles Haus zum Saisonende

Marion Pfordt

Von Marion Pfordt

Di, 22. Oktober 2013

Titisee-Neustadt

Reale Landschaften des Hochschwarzwaldes, verfremdet mit abstrakten Elementen – die Kunst von Rainer Mertens.

Zur Mitgliederausstellung des Neustädter Künstlers Rainer Mertens drängten sich so viele Besucher wie selten in die Ausstellungsräume des Kunstforums Hochschwarzwald. Die Ausstellung "Malerei: Schichten 2" wird die Kunstsaison in Neustadt diesem Jahr abschließen. Es bietet sich an, den Rundgang durch die Ausstellung im hinteren großen Teil der Galerie zu beginnen. Dort hängen die großformatigen Landschaftsbilder, die Rainer Mertens mit Acryl auf Leinwand aufgetragen hat. Je weiter der Betrachter seinen Blick über die Werke von links nach rechts schweifen lässt, desto deutlicher wird dieser in den Strudel der Schichten–Entwicklung mit hineingezogen, welche die Ausstellung begründet.

Rainer Mertens reduziert seine Landschaften auf das Wesentliche, fügt abstrakte Elemente hinzu, die dem Betrachter einen großen Spielraum für individuelle Interpretationen erlauben und scheut dabei nicht ein klares Bekenntnis zur leuchtenden Farbwahl, die der angelehnten Wirklichkeit durchaus nicht entsprechen muss, dennoch nicht von einer harmonischen Natürlichkeit einbüßt.

Verfremdet, aber nicht verzerrt

Die Landschaften, real vorhanden, verlieren unter dem Pinselstrich Mertens jedoch den Bezug zur Zeit. So erhält die "Schluchsee-Landschaft" die Aussage mehrerer unterschiedlicher Jahreszeiten, in der sie gleichzeitig und still ruht. Die Malereien dienen, abfotografiert, als Element für weitere Werke, die im zweiten Raum der Galerie zu sehen sind. Der Künstler, der sich nach langem Schuldienst nun nach seiner Pensionierung in eine ganz neue, gelassene Phase des Lebens eingetreten sei, sagt der ehemalige Kollege Jan Blaß in der Einführungsrede, habe einen ganz eigenen Umgang mit Fotografie entwickelt. Wo genau die Basis der Schichten-Werke steht und welche Schichten sich wann im Gesamtwerk vereinen, verschmilzt vor den Augen der Besucher zu einem Ganzen ohne Anfang und ohne Ende.

Die Relevanz der Zeitlinie des Entstehungsprozesses löst sich auf. Eine Fotografie als Vorlage für ein Gemälde, welches abfotografiert übermalt wird und als Foto hinter Acryl versiegelt, oder umgekehrt? Oder mehrfach wiederholt? Oder anders begonnen und genau so beendet? Motive von Schluchsee und Feldberg, vom Reichenbachtal und aus Schwärzenbach erzählen von der vielschichtigen künstlerischen Betrachtungsweise, die Schicht für Schicht die Konturen reduziert und verfremdet, aber nicht verzerrt. Die Landschaft bleibt Heimat, auch wenn die Zeit an Wichtigkeit verliert und die Farben unter dem Einfluss der Gefühle des Künstlers die Objektivität abschütteln.

Neue Perspektiven

Was unaufgeregt, fast in langweiliger realer Abbildung beginnt, entwickelt sich, Schicht um Schicht, zur gedankenanregenden Collage aus Fotografie, Malerei, Raumgefühl und Landschaft.

Der Wald des Feldbergs – liegt er da in noch beinahe realen Farben oder ist er bereits überzeichnet? Die Elemente, die darin ruhen, bergen einen undurchsichtigen Prozess, fügen sich aber vollständig stimmig zueinander. Die Berge schreien in Türkis vom Reichtum des Glücks unter warmem Himmel, der das Blattwerk des Hochschwarzwalds wiederholt.

Die Fotocollagen unter Acryl, die am Abend in stimmiger Beleuchtung ihre ganze Brillanz frei geben, lösen sowohl die Freude der Wiedererkennung aus, die sich klar darin verbirgt. Hinzu gesellt sich jedoch auch die aufregende Erkenntnis einer neuen Begegnung, die sich harmonisch zur vertrauten Landschaft hinzugesellt und dadurch eine völlig neue Perspektive darauf eröffnet.

Die Ausstellung ist noch bis zum 10. November in der Salzstraße 16 in Neustadt zu sehen. Samstag 16 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 13 Uhr.