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27. Juli 2012
Tod einer Oper
Der TV-Zuschauer sah die Stuttgarter "Don Giovanni"-Inszenierung nicht.
Die, die im Saal saßen, und die, die draußen im Schlosspark die Geschehnisse auf der Videoleinwand verfolgten, hatten an diesem Abend die besseren Karten. Ihnen blieb der Entertainer Harald Schmidt zumindest während des Fortgangs der Premiere von Mozarts Oper "Don Giovanni" in der Stuttgarter Staatsoper erspart. Am Fernseher mussten 140 000 SWR-Zuseher die zuckersüße Pille schlucken, mit der Intendant Peter Boudgoust die angebliche Schwellenangst des gemeinen Zuschauers vor dem Musiktheater senken wollte: Die Droge Schmidt verpackt den ach so schwergängigen Stoff Hochkultur in den sanften Rausch des Small Talks vulgo – des sachfernen Geblubbers.
Na klar: Dann wird aus DG der DSK (Dominique Strauss-Kahn) der Musikgeschichte. Dann werden die Garderobieren in der Pause vor die Kamera gezerrt. Dann lauert der inzwischen altväterliche Late-Night-Onkel drei jungen Damen von der Statisterie im Treppenhaus auf und stellt ihnen so intelligente Fragen wie: Dürft ihr auch auf die Premierenparty? (Sie dürfen, Gott sei es gedankt). Dazwischen fährt die Kamera Mischpulte und andere Back-Stage-Sensationen ins Bild, lässt den Sänger des Komturs auf seinem sehr langen Weg auf die Bühne nicht aus den Augen, fixiert immer wieder das lagernde Fußvolk auf der Wiese, derweil die Oper in schlechtester Tonqualität aus der Ferne wie ein Fremdkörper gelegentlich ins Bild ragt: Und das soll spannend sein? Wenn ein – Entschuldigung – abgehalfterter Talkmaster einen ständig davon abhält, Mozarts Musik zu hören und Andrea Moses’ Inszenierung zu verfolgen?
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In einem Agenturbericht ist der verräterische Satz zu lesen, dass die SWR-Zuschauer nur "ausgewählte Highlights" der Oper zu hören bekamen – denn so eine Oper im Ganzen (dreieinhalb Stunden) hat doch (gähn!) viel Leerlauf. Welches Missverständnis von Kunst und Kunstvermittlung liegt hier zu Grunde! Häppchenkost aus der Fast-Food-Küche zerstört jedes Kunstwerk: Da kann nichts mehr über die niedrige Schwelle gezerrt werden, weil nichts mehr da ist. Der Intendant will, so verlautet, das Projekt beim Grimme-Preis einreichen. Vielleicht auch, um davon abzulenken, dass der Sender gerade dabei ist, zwei Orchester zu zerstören – aus Spargründen. Die Gage von Harald Schmidt wollte der SWR auf Anfrage nicht mitteilen. Auch was der Rest des Spektakels gekostet hat, bleibt sein Geheimnis. Die Fortsetzung von Oper light ist schon angedroht. Das versteht man heute unter Kulturauftrag. Beim SWR jedenfalls. Es ist eine Schande.
Autor: Bettina Schulte



