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14. August 2015

Vernetzung zweier Doppelpraxen

Um die Landarztproblematik ging es beim Besuch von zwei Mitgliedern des Bundestags bei Hausarzt Georg Steinfurth.

  1. CDU-Bundestagsabgeordneter Armin Schuster, Kerstin Steinfurth und Bundestagsabgeordnete Karin Maag mit Dr. Georg Steinfurth, Christoph Hofner, Theo Gassenmaier (am Fenster), Alexander Franke, Wonhyeok Lee, Sylvia Kohler (von links) vor der Hausarzt-Doppelpraxis in Todtnau, die zum gemeinsamen „Doc-Hüsli“ Schönau-Todtnau gehört, über dessen Konzept beim Politikerbesuch informiert wurde. Foto: Ulrike Jäger

TODTNAU. Wie Mediziner aufs Land locken, damit sie dort als Hausarzt arbeiten? Diese Frage treibt den Internisten und Neurologen Georg Steinfurth aus Todtnau seit Jahren um. Das Konzept seines "Doc-Hüsli am Feldberg und Belchen" stellte er am vergangenen Mittwoch den CDU-Bundestagsabgeordneten Armin Schuster und Karin Maag, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, in der Todtnauer Praxis vor.

Das Modell des Hausarztes, der sich 15 Stunden am Tag und an den Wochenenden um seine Patienten kümmert, das sei außer Mode, erklärt Theo Gassenmaier, der dies als Facharzt für Allgemeinmedizin und für Kinder- und Jugendheilkunde 32 Jahre lang in der Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau in Schönau so gemacht hat. Diese Praxis hat Georg Steinfurth aus Todtnau gekauft und sein "Doc-Hüsli" aufgebaut – eine Vernetzung zweier Doppelpraxen in sieben Kilometer Entfernung mit jeweils zwei Doppelfachärzten – Allgemeinmediziner Marko Klemenz ist ebenfalls in Schönau tätig.

Wo andere Ferien machen

"Dort arbeiten, wo andere Ferien machen", mit diesem Motto möchte er junge Mediziner in den Schwarzwald und somit "aufs Land" ziehen. Mit seinem Konzept will er Teambildung und Anstellung verbinden. Steinfurth ist hausärztlich tätiger Internist, Facharzt für Neurologie und Notarzt und führt als Inhaber vier Hausarztsitze. Junge, gut ausgebildete Fachärzte werden - auch in Teilzeit - angestellt, ein interdisziplinäres Team steht hinter den Medizinern. So befinden sich im Team der 18 Angestellten auch zwei "Verahs" (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) und "Näpas" (Nichtärztliche Praxisassistentin), eine weniger bekannte Zusatzausbildung, die von den Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen seit Anfang des Jahres gefördert wird.

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Im Familienkonzept des "Doc-Hüsli" erhalten Mütter und Familienväter die Möglichkeit der Halbtagsanstellung, haben flexible Arbeitszeiten und erhalten ein überdurchschnittliches Gehalt. Christoph Hofner ist solch ein Teilzeit-Arzt, er ist Facharzt für Innere Medizin, für Intensivmedizin und Notarzt und findet auch als Städter seinen Arbeitsplatz auf dem Land sehr interessant.

Da die Residenzpflicht aufgehoben wurde, pendelt er von Freiburg in den Schwarzwald. Zumal er bei diesem System, neben der Zeit für seine Familie, auch noch Zeit findet, als Notarzt zu fahren und Intensivtransporte zu begleiten. Dass der Nachwuchsmangel bei den Hausärzten auch darauf basiert, dass nur wenige Universitäten einen Lehrstuhl für den Facharzt für Allgemeinmedizin haben, bedauert Karin Maag. Viele angehende Mediziner wüssten gar nicht, was ein niedergelassener Arzt auf dem Land eigentlich mache.

Steinfurth, der auch Studenten und Ärzte im Praktischen Jahr (PJ) ausbildet, stellte fest, dass sich viele von ihnen nach der Zeit in seiner Praxis doch vorstellen konnten, als niedergelassener Arzt zu arbeiten. Die Statistik spricht dagegen: Im Deutschen Ärzteblatt vom Februar 2015 liegt die Zahl der Medizinstudenten, die später als Angestellte in einer Klinik arbeiten möchten, bei 40,9 Prozent, nur ein Viertel will selbstständig sein. Dass bei der langjährigen Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin nur ein einmonatiges Praktikum in einer Landarztpraxis vorgesehen ist, sei bedauerlich, sind sich Maag und Schuster einig.

Verwaltungsaufwand

Ein sehr großes Hindernis sei der sehr hohe Verwaltungsaufwand. Die Abrechnung sei umständlich und zeitintensiv, die vorgeschriebene Zuordnung, wann welcher Facharzt an welchem der beiden Orte sein muss, müsse flexibel gestaltet werden können, ist Steinfurths Bitte an die Politik. "Auch andere Hindernisse, die sein "Flaggschiff", wie er es nennt, bedrohen durch Querschläger aus der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), müssten verhindert werden.

Auch wenn es hier gute Mitarbeiter gebe – der Apparat sei einfach zu behäbig und kompliziert. "Wir wollen Menschen behandeln, und uns nicht ewig mit dieser Verwaltungsarbeit aufhalten", sagt er engagierte Mediziner, der fast einen eigenen Mitarbeiter einzig für die geforderte Verschlüsselung der medizinischen Diagnosen einstellen könnte. Von Bürokratie befreien kann ich Sie nicht", betont Karin Maag. Die Politik gebe den Rahmen vor, den die Kassenärztlichen Vereinigungen dann ausfüllten, doch in den letzten Jahren sei bereits viel flexibilisiert worden. "Es geht nicht an, dass man den ländlichen Raum medizinisch versorgt haben will, aber dann Hindernisse aufbaut", sagt Armin Schuster. Der Bürokratieabbau habe erste Priorität. Den beiden Studenten Alexander Franke und Wonhyeok Lee, die der Präsentation und Diskussion konzentriert zugehört hatten, gaben die Politiker mit auf den Weg, sich hierdurch nicht abhalten zu lassen. Ein Riesenvorteil im Gegensatz zum angestellten Krankenhausarzt sei die langfristige Beziehung zu den Menschen, "das ärztliche Leben als niedergelassener Arzt ist intensiver", sagt Maag. Und der niedergelassene Arzt sei auch Unternehmer, selbstständig und könne unabhängig agieren, fügt Armin Schuster an.

Notfallregelung

Die Idee, eventuell im Oberen Wiesental mit einer anderen Großpraxis zusammenzuarbeiten, stehe im Raum, auch um die unbefriedigende Wochenend-Notfallregelung zu entschärfen und Synergieeffekte zu nutzen, erklärt Steinfurth. Die Patienten im "hintersten Wiesental", wie er es lächelnd nennt, würden es sicher danken. Sie seien unzufrieden mit der neuen Regelung, warteten zu lange auf Behandlungen. Am Montag gebe es einen extrem hohen Andrang in den Praxen.

Autor: Ulrike Jäger